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Die Spinnenkönigin

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In einer Zeit, in der Märchen noch wahr waren, gab es einmal zwei Länder, die unterschiedlicher nicht sein konnten. In dem einen herrschte König Johann der Gütige mit seiner schönen Tochter Melissa, in dem zweiten die böse Hexe Penele, Herrscherin der Schatten, mit ihrem hässlichen und herzlosen Sohn Maximus. In König Johanns Land gab es Glück und Reichtum, denn die Menschen hatten genug, um ihr Leben sorglos zu bestreiten. Im Reich des Schattens aber herrschte Armut unter dem Volk. Krankheit und Hungersnöte bestimmten ihr Leben, denn alles, was sie sich erarbeiteten, mussten sie zum Schloss bringen, damit sich der Reichtum von Penele und Maximus Tag um Tag vergrößerte.

Als der alte König Johann schwer krank in seinem Bett lag, ließ er Melissa zu sich holen und sprach mit schwacher Stimme zu ihr: „Melissa mein Herz, als deine liebe Mutter verstarb, wollte ich dir Mutter und Vater zugleich sein. Nun ist auch meine Zeit gekommen, dass ich dich verlassen muss. Gerne wüsste ich einen braven Mann an deiner Seite, der dich liebevoll unterstützen kann, denn bald wirst du das Amt des Königs übernehmen und wirst als Königin verantwortlich sein für dein Volk. Sende alle Boten aus und lasse verkünden, dass es mein letzter Wille ist, alle heiratsfähigen Edelmänner kennen zu lernen, um dich mit einem guten Mann zu vermählen“.

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Die Boten zogen aus und verkündigten die Nachricht ihres kranken Königs. Bestürzung und Trauer überkam das Volk, und alle beteten für seine Genesung. Aber auch im Reich der Schatten hörte man von der Botschaft, und Penele, die böse und geldgierige Königin, rief ihren Sohn zu sich und sprach: „Mache dich auf die Reise ins Land des Glücks und werbe um die Königstochter. Du alleine sollst ihr Herz gewinnen, sie heiraten und somit ihren Reichtum und ihre Ländereien in unsere Hände legen“.

Als der Tag nahte, an dem alle edlen Ritter und Fürsten im Schloss des Königs eintrafen, verneigten Sie sich betroffen vor dem kranken König Johann und warben um die Hand der schönen Melissa. Auch Maximus, der unterdessen im Schloss eingetroffen ist, eilte zum Krankenbett des Königs und fragte grinsend, ohne sich zu verneigen und mit ironischer Stimme:   „Ich habe gehört, mit euch geht es zu Ende? Schade, schade, aber sagt mir schnell, wie viele Ländereien bekomme ich und wie viele Golddukaten kann ich erwarten, wenn ich eure Tochter zur Frau nehme?“

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Den Anwesenden stockte der Atem, und alle waren empört über soviel Dreistigkeit. „Du Maximus wirst meine Tochter nie zur Frau bekommen“, sagte der König mit verbitterter Stimme, „eher gäbe ich sie den erstbesten Bettler aus eurem Land zur Frau oder sie bleibt ihr Leben lang alleine“. „Wir werden sehen was geschieht“, pöbelte der Prinz beleidigt, machte auf dem Absatz kehrt und trat eiligst die Heimreise an, wo schon seine gierige Mutter Penele ungeduldig auf ihn wartete. „Berichte mir von den Ereignissen, hat man dir Melissa versprochen, wirst du König im Reich des Glücks sein, fallen alle ihre Schätze in unsere Hände, erzähle, schnell….“ zischte aufgeregt die alte Hexe und rieb sich dabei schon freudig ihre knochigen Finger. Als Maximus von der Abfuhr des Königs berichtete, schäumte die Alte vor Wut und raufte sich ihre verfilzten Haare. „Denen zahle ich es heim, die werden es bitter bereuen uns so zu beleidigen“ keifte sie immer und immer wieder und   zerschmetterte alles was ihr dabei in den Weg kam.

In der Nacht schmiedete sie ihren teuflischen Plan und setzte ihn in die Tat um. Sie stieg hinab in das Kellergewölbe, griff sich ihr Zauberbuch und schrie lauthals in die Nacht hinein:

„Mein Sohn ist ihm nicht gut genug?

So höre meinen Zauber, meinen Fluch:

Hässlichkeit soll sie umgeben,

als Spinne soll sie fortan leben.

Man soll sie ertränken, jagen, auch erschlagen,

soll keine ruhige Minute haben.

Nur ein mutiges Herz, ganz jung, klein und rein,

könnte ihr Erlöser sein.

Aber ruhig Blut, denn das wird nie geschehen,

auf acht Beinen wird sie nun durchs Leben gehen“.

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Im Schloss des Königs Johann lagen alle in ihren Betten und schliefen tief und fest. Nur die Prinzessin lag wach und drehte sich unruhig in ihrem Himmelbett von der einen Seite zur anderen. Dann geschah das Unheil. Ein fürchterlicher Schmerz durchzog Melissa und ehe sie begriff was ihr geschah, schrumpfte ihr Körper bis hin zu einer handgroßen, hässlichen, schwarzen Spinne zusammen.

Der Zauber war vollbracht.

Am darauffolgenden Morgen wollten die Kammerjungfrauen das Bett der Prinzessin aufschütteln und entdeckte darin die Spinne. Schreiend vor Schreck und Ekel holten sie eiligst Besen und andere Stöcke herbei, um das Tier zu erschlagen. Sie schlugen wie wild um sich, aber die Spinne war schneller. Sie kroch unter die Matratze und schlüpfte dann ungesehen unter den Teppich. Von dort kroch sie in Richtung Fenster und ließ sich an einem silbernen Faden herab in den rettenden Garten. Im Schutze des hohen Grases suchte sie sich einen Weg zu einem Versteck, wo sie niemand sehen konnte. Unterdessen suchten und riefen die Diener und Mägde nach der Prinzessin, aber keiner konnte sie finden. Sie war und blieb verschwunden. Als der König von dem Verschwinden seiner geliebten Tochter hörte, brach ihm endgültig sein krankes Herz und mit den Worten auf seinen Lippen: „Bringt mir mein geliebtes Kind zurück“, schloss er für immer seine Augen und verstarb.

Draußen im Schlossgarten wartete die Prinzessin, die nun eine Spinne war, unter einem Busch versteckt auf die nächste Nacht, denn am Tage war es für sie zu gefährlich ihren Fluchtweg weiter fortzusetzen.

Als die Dunkelheit hereinbrach, schlich sie sich dann von den Menschen unbemerkt Stück für Stück weiter in Richtung des nahegelegenen Waldes. Dort angekommen, legte sie eine Rast ein, ernährte sich von all den kleinen Kriechtieren und toten Fliegen, denn sie hatte großen Hunger. Als sie in der Nähe Wasser rauschen hörte, bekam sie Durst und tastete sich langsam in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Dort angekommen, sah sie einen kleinen Bach fließen. Hastig trank sie ein paar Schluck von dem klaren Wasser, verlor aber dabei ihren Halt und stürzte in den Bach hinein. Sie schwamm um ihr Leben, konnte aber das Land nicht mehr erreichen. Schnell und schneller wurde sie angezogen, und immer tiefer wurde der Sog, der sie mitriss. Mal stieß sie an einen Stein, ein andermal fand sie einen kurzen Halt an einem Blatt. Aber alle Mühe und ihr Überlebenskampf waren vergebens. Der Bach, der jetzt in einen großen Fluss mündete, gab sie nicht mehr frei. Schwach und hilflos musste sie sich den Wellen ergeben und sich darin treiben lassen. „Das ist nun mein Ende“, dachte die Spinne und ergab sich ihrem Schicksal. Dann fiel sie in tiefe Ohnmacht.

Die Kunde, dass der König verstorben sei, verbreitete sich blitzschnell unter dem Volk im Land des Glücks. Die Trauer war aber doppelt so groß, weil man auch kein Lebenszeichen von der Prinzessin hatte, die nun den Platz ihres Vaters einnehmen sollte, um Königin zu werden. Alle suchten nach ihr. Die Bauern, die Fürsten, die Jäger, der gesamte Hofstaat, ja sogar die Tiere schnüffelten und schnupperten und suchten nach jeglicher Fährte von der Prinzessin, aber alles Suchen war vergebens. Keiner lachte mehr, keiner sang ein Lied, und alle Menschen liefen nur noch mit gesenktem Haupt aneinander vorbei. Ein jeder trauerte um die beiden. Auch die Hexe Penele hat vom Tod des Königs gehört und war hocherfreut darüber. Sah sie doch noch eine Chance für sich und ihren Sohn, die Macht und die dazugehörigen Reichtümer des Nachbarlandes an sich zu reißen, denn nur Sie und ihr boshafter Sohn alleine wussten von dem Schicksal der Prinzessin. Schnell wurde ein zweiter hinterhältiger und gemeiner Plan ausgeheckt, wie man sicherhaltshalber auch noch die Prinzessin töten und somit loswerden könnte. Penele schickte tausend ihrer Hofgetreuen, verkleidet als Spinnenjäger, ins Land des Glücks, mit dem Auftrag, sämtliche Spinnen, ob groß, ob klein, wegen einer angeblichen Pestgefahr, die von ihnen ausgehen sollten, zu töten.

Als Melissa erwachte fand sie sich auf einem schmierigen und brodelnden Schlamm wieder. Alles um sie herum war dunkel, und ein unheimlicher grauer Nebel lag in der Luft. „Wo bin ich?“ dachte sie sich und bewegte eines nach dem anderen ihrer acht Spinnenbeinchen vorsichtig vorwärts, und immer wieder versanken sie in dem Morast.   Aber langsam, ganz langsam wurde der Boden unter ihr härter, und sie hatte wieder festen Halt. „Oh Gott“, dachte sie sich, „ich bin im Moor wieder zu mir gekommen. Da kann ich von Glück sagen, dass es mich nicht verschlungen hat“. Es lag ein langer und schwerer Weg vor ihr, als sie endlich in der Ferne schemenhaft eine kleine Holzhütte sah. Dort wollte sie Schutz suchen und sich ausruhen. So schnell sie laufen konnte, eilte sie dorthin und stand nun vor dem kleinen Gebäude. „Prima, eine Scheune voll mit Heu gefüllt“, freute sich die Spinne und suchte sich darin ein ungestörtes und ruhiges Plätzchen, um zu schlafen.

Inzwischen waren die Getreuen der Hexe im Land des Glücks einmarschiert und taten, was ihnen Penele aufgetragen hatte. Jeder Zentimeter wurde durchsucht, jedes Blatt und jeder Stein wurde umgedreht, um nach Spinnen zu suchen. Die, die man fand, wurden sofort getötet und demjenigen, der eines dieser Tierchen verstecken sollte, wurde mit dem Tode durch Erhängen gedroht.

Als man nun das ganze Land von Spinnen befreit hatte und keine einzige mehr zu finden war, konnte nun der weitere Plan der Hexe durchgeführt werden. Penele und Maximus packten ihre Kleiderkoffer, füllten ihre Geldtruhen mit all ihrer Habe, verluden alles auf den Gepäckständer ihrer Kutsche und befahlen den Kutscher die Pferde anzupeitschen, damit sie so schnell wie möglich am Schloss des verstorbenen Königs Johann ankämen. Dort übernahm die Hexe die Aufgaben der verschwundenen Prinzessin und krönte sich selbst zur Königin des Landes. Es dauerte nur wenige Tage, bis derselbe Zustand im Land des Glücks herrschte, der im Reich des Schattens Alltag war. Die neue, grausame Königin und ihr herzloser Sohn forderten ihrem Volk alles ab. Die Ernten, die Erträge aus ihrem Verkauf, das Gesparte, ja sogar den geerbten Familienschmuck mussten sie im Schloss abliefern. Den armen Menschen blieb nur noch der Hunger und der Durst.

Die Königin und ihr Sohn aber wägten sich in Sicherheit, denn sie waren sich einig, dass man die verzauberte Prinzessin als Spinne entdeckt und erschlagen hatte. „Wäre eigentlich nicht nötig gewesen“, kicherte die Hexe, „denn ein mutiges Herz, ganz jung, klein und rein, hättest du niemals gefunden“. 

In der kleinen Holzhütte richtete sich die Spinne ihr neues Zuhause ein. Sie spann in der obersten Ecke, direkt unter dem Giebel, ein großes Netz und fing damit ihre Nahrung. Wenn es einmal regnete, ließ das undichte Dach genug Wasser hindurch, dass sie auch reichlich zu trinken hatte.

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„Hier werde ich bleiben“, dachte sich Melissa, „bis meine letzte Stunde geschlagen hat. Hier bin ich sicher vor den Menschen und brauche mich nicht zu ängstigen. Aber dennoch hätte ich gerne gewusst, wo ich bin, denn in unserem Land gibt es kein Moor und keine dunklen Nebel“.

Als sie langsam zur Ruhe kam, die lange und gefährliche Flucht vor den Menschen vorüber war, begriff sie erst was mit ihr geschehen ist. Es überfiel sie eine große Traurigkeit, und sie weinte viele kleine Tränen, die sich wie der Morgentau im Netz verfingen. Dann schlief sie endlich ein und träumte von ihrem geliebten Vater. Als der Morgen anbrach, hörte die Spinne aus der Ferne einen Hahn krähen. „Warum wird es nicht hell“, fragte sich Melissa, „warum ist hier alles so düster?“

Sie hangelte sich an ihrem Spinnennetz hoch und schaute durch einen Spalt hindurch und sah überall Nebel, der sich wie ein grauer Schleier über das Land legte. „Ich weiß jetzt wo ich bin“, durchfuhr es mit Schaudern die Prinzessin, „ich bin im Land der Schatten, im Reich der Hexe Penele. Der Fluss hat mich hierher getrieben als ich in Ohnmacht gefallen bin. Zu all meinem Unglück nun auch noch das. Ich werde meinen Vater und mein Land nie mehr wiedersehen mit all ihren fröhlichen Menschen, denn wie sollte ich jemals wieder heimkehren können?“ Und wieder weinte die Prinzessin, und wieder bedeckten ihre Tränen das Spinnennetz.

Als der Abend hereinbrach, hörte sie wie sich jemand der kleinen Scheune näherte und die Tür aufriss. Kurz darauf sah sie ein warmes und helles Licht. Es kam aus einer Lampe, die ein kleiner Junge in seinen Händen hielt. Schnell verkroch sich Melissa, damit er sie nicht entdecken konnte. Der Junge hangelte sich an einer Leiter hoch bis hin zum obersten Strohballen, wo die Spinne ihr Netz gewebt hatte. Dort setzte er sich ermüdet hin und weinte so sehr, dass es Melissa beinahe ihr Herz zerriss, aber sie durfte sich nicht zeigen, sie blieb weiterhin in Verborgenheit.

Als der Kleine seine Tränen trocknete, entdeckte er das Netz. Neugierig zupfte er an den feinen Spinnfäden und vernahm eine kleine, feine Musik. Sie hörte sich an als wenn ein Engel auf einer Harfe spielte. Furchtlos rückte er näher und schaute sich dieses Wunderwerk genauer an. „Ein Spinnennetz aus silbernen und goldenen Fäden habe ich noch nie gesehen“, flüsterte er leise vor sich hin und kam nun ganz nahe heran. „Wo solch ein schönes Netz ist, muss es auch eine schöne Spinne geben“, dachte sich der Junge und rief vorsichtig und ganz leise: „Hallo, ist jemand zuhause? Komm doch herbei und zeige dich mir. Wir könnten uns unterhalten, wir zwei. Ich habe niemanden, mit dem ich reden kann, keinen Freund, keine Mutter, nur meinen bösen Vater. Komm doch, ich tue dir bestimmt nichts“.

Es dauerte einige Zeit, bis die Prinzessin all ihren Mut zusammengenommen hatte, um sich zu zeigen. Vorsichtig und ganz langsam tastete sie sich zur Mitte des Netzes und ließ dabei vor Angst den Jungen nicht aus den Augen. „Oh bist du schön“, rief erfreut der Kleine und krabbelte etwas zurück, um sie in all ihrer Schönheit und Größe besser bewundern zu können. „Du hast auf deinem Körper eine schöne Zeichnung“, staunte er weiter, „es sieht aus wie eine kleine goldene Krone? Bist du am Ende eine Spinnenkönigin?“ Als die Spinne diese lieben Worte des Jungen hörte fing ihr Körper vor Freude an zu zittern, und sie strich sanft mit ihren Beinchen über all die vielen Gold-und Silberfäden, die sie umgaben, und eine leise, wunderschöne Melodie erklang. Schnell zupfte sich der Junge eines dieser Fäden aus ihrem Netz, legte es behutsam in eine kleine Schachtel und verabschiedete sich mit den Worten: „Mein Name ist Jan, kleine Spinnenkönigin, sei nicht traurig, ich komme morgen wieder, und dann erzähle ich dir, warum ich vorhin so traurig war“.

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Er kletterte die Leiter herunter, rief laut: „Dann bis morgen,“ und schloss hinter sich die Tür. Melissa konnte den neuen Tag gar nicht mehr erwarten, so freute sie sich auf ihren kleinen Freund. Als die Nacht vergangen und der Hahn gekräht hatte, öffnete sich auch schon bald die Hüttentür, und man hörte den Jan rufen: „Guten Morgen schöne Königin, aufgewacht, ich bin es dein Freund“. Eiligst kletterte der Junge hinauf zu seiner neuen Bekanntschaft und legte sich glücklich in das Stroh. Die Spinne begrüßte ihn mit ihren zauberhaften Klängen und der kleine Mann begann zu erzählen: „Meine Mutter hat uns verlassen, weil mein Vater sie oft geschlagen hatte. Das Geld, das er als Weber verdiente, brachte er sofort ins Wirtshaus, um sich dann an dem teuren Wein zu berauschen. Spät in der Nacht kam er dann heim, weckte meine Mutter, verlangte nach Essen, das wir nicht hatten. Dann schlug er alles entzwei, ja auch mich schlug er öfters wenn ich nicht genug Tücher webte und sie dann auf dem Markt verkaufte. Wenn ich kein Geld heimbrachte, konnte er nicht ins Wirtshaus und bekam auch keinen Wein. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Oft fühle ich mich einsam, sehne mich nach meiner Mutter und immer wieder knurrt mir mein Magen. Dann möchte ich mich richtig sattessen, aber ich habe nichts zu beißen und kann oft vor Hunger nicht einschlafen“.

Als Melissa das hörte, musste sie weinen, und kleine silberne Tröpfchen rollten ihr feines Spinnennetz entlang. Gerne hätte sie ihn in den Arm genommen und getröstet, aber dies blieb ihr als Spinne verwehrt. Sie zupfte mit ihren Beinchen einen goldenen Faden aus ihrem Netz und schob diesen behutsam auf Jan zu. Der bedankte sich artig, legte auch diesen in seine Schachtel und versprach, jeden Tag seine Spinnenkönigin zu besuchen.

Viele Zeit war ins Land gezogen, und die beiden Freunde hüteten ihr Geheimnis dass kein anderer Mensch es entdecken konnte. Jedes Mal, wenn Jan sich verabschiedete, schenkte sie ihm einen silbernen oder einen goldenen Seidenfaden, so dass seine Schachte bald bis obenhin gefüllt war.

Eines Tages setzte sich Jan im Haus seines Vater vor den Webstuhl, öffnete seine kleine Schachtel und begann die Fäden zu einem Tuch zu verarbeiten. Als dieses fertig war, bestaunte er sein glitzerndes Werk und schlief dann ungewollt und übermüdet vor dem Webstuhl ein.

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„Wach auf, du Taugenichts“, hörte Jan im Halbschlaf eine tiefe Stimme rufen, „was sitzt du hier vor einem leeren Webstuhl und schläfst? Hatte ich dir nicht aufgetragen ein Tuch zu weben?“ Jan schreckte zusammen und schaute in das zornige Gesicht seines Vaters. „Aber Vater, schau doch was ich gewebt habe“, sagte der Junge mit weinerlicher Stimme und zeigte auf sein glänzendes Tuch. „Welches Tuch, ich sehe kein Tuch, du Tölpel. Willst mich wohl foppen, du Narr. Gehe in die Küche und mache mir zu essen, sonst setzt es was“, drohte der Alte und verließ wütend den Raum. Jan konnte es nicht glauben, dass sein Vater das Tuch nicht sehen konnte, dachte sich aber: „Was soll’s, er hat wohl wieder zuviel Wein getrunken“.

Schnell spann er sein glänzendes Werk aus dem Webstuhl und band es sich um den Hals, verknotete es und machte sich auf den Weg in die Küche, um nach etwas Essbaren für den Alten zu suchen. Als dieser in die Küche kam brüllte er: „Wo steckst du, du Satansbraten, ich will was zu essen, wo hast du dich versteckt?“ Jan stand versteinert vor Angst mitten in der Küche, dennoch konnte der tobende Vater ihn nicht sehen. Da dämmerte es dem Jungen: „Das Tuch macht mich unsichtbar, deshalb konnte Vater es vorhin nicht sehen“. So schnell ihn seine kleinen Beine tragen konnten, lief er zur Scheune, um seiner kleinen Freundin die freudige Nachricht mitzuteilen. Dort angekommen und noch völlig außer Atem, berichtete er seiner kleinen Spinnenkönigin von den Geschehnissen der letzten Stunden.

Bald darauf hörte man den Vater, der mit einem Knüppel bewaffnet und lauthals schreiend, sich der schützenden Hütte näherte. „Er kommt, er kommt hierher“, wimmerte Jan vor Angst, „was soll ich tun, wenn er mich erwischt, schlägt er mich grün und blau“. Zitternd vor Angst versteckte er seinen kleinen Körper hinter einem großen Heuballen. Auch die Spinne ergriff die Flucht und suchte Schutz hinter einem Balken, aber durch ihre schnellen Bewegungen fing das Netz so sehr an zu zittern, dass die Klänge, die sonst so sanft und melodisch ertönten, diesesmal schrill und laut waren.

„Wenn Vater die Spinnenkönigin entdeckt, ist es um sie geschehen“, durchfuhr es eiskalt den Jungen, und blitzschnell löste er den Knoten seines Halstuches und warf es über das Netz der Spinne. Damit rettete er ihr Leben und brachte sein eigenes in Gefahr.

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Genau in diesem Moment öffnete sich die Scheunentür, und der Vater stand drohend im Scheunenraum.„Da bist du ja, du Sohn einer Teufelin“, brüllte der Alte, hob den Knüppel und wollte auf den Jan einschlagen, als plötzlich eine zornige Stimme ertönte: „Wage es nicht den Jungen zu schlagen, sonst wirst du es dein Leben lang bitter bereuen“. Dort, wo einst das Spinnennetz war, stand Melissa in menschlicher Gestalt und in all ihrer Schönheit. Dem Alten durchfuhr aber ein solch großer Schreck, dass er die Flucht ergriff und hilfeschreiend das Weite suchte. 

„Wer bist du?“ fragte verwundert der kleine Jan und konnte sich an der schönen Frau nicht satt sehen. Melissa liebherzte den Jungen und erzählte von ihrem Schicksal. Sie erzählte von ihrem Land, ihrem Vater und dem Zauber der bösen Hexe Penele, den nur ein mutiges Herz, ganz jung, klein und rein beenden konnte. „Du mein Kind hast mich durch deinen Mut aus diesem furchtbaren Alptraum gerettet, und als Dank dafür darfst du mich auf mein Schloss begleiten und immer an Sohnesstatt an meiner Seite leben“. „Ja weißt du denn nicht, dass dein Vater tot ist und die böse Königin nun auch Herrscherin über dein Land ist?“ fragte verwundert Jan und schaute sie mit großen fragenden Augen an. „Das ist ja furchtbar“, sagte erschüttert die Prinzessin, „ich muss sofort zurück in das Schloss meines Vaters, um noch größeres Unheil von meinem Volk abzuwenden“.

Sie erteilte dem Jan den Auftrag in das nahegelegene Dorf zu laufen, und um Hilfe zu bitten. Alle Pferde, die stark und gesund waren, sollte man satteln und ein jeder, der guten Mutes war, sollte Prinzessin Melissa auf den Weg zum Land des Glücks dorthin begleiten. Es fanden sich viele tausend Menschen, die der Prinzessin helfen wollten, und als sich alle vor der kleinen Holzscheune versammelt hatten, bestieg Melissa ein für sie bereitgestelltes Pferd und rief ihren Begleitern zu: „Holen wir uns die Krone zurück, und befreien wir unser Volk von Elend und Armut“. Dann ritten alle eiligst los, denn es war ein weiter Weg und keine Zeit zu verlieren.

Drei Tage und drei Nächte brauchte die Reiterschar, um an die Tore des Schlosses im Land des Glücks zugelangen. Die Nachricht, dass ihre geliebte Prinzessin lebt und ihren Thron zurückerobern will, verbreitete sich dort blitzschnell und jeder der konnte nahm sich einen Knüppel oder Stock und lief so schnell er konnte in Richtung Schloss, um Melissa hilfreich zur Seite zu stehen. Dann stand Melissa endlich vor der Hexe und ihrem hinterhältigen Sohn. 

„Warum bist du nicht tot, ich hatte doch befohlen dich zu erschlagen“, keifte und zischte Penele als sie Melissa erblickte und suchte feige Schutz hinter einer Säule. „Kennst du deinen eigenen Zauber nicht mehr“, fragte Melissa, „hast du nicht gesagt, dass ein mutiges Herz, ganz jung, klein und rein, mich befreien kann?“ Penele fluchte, zeterte, spuckte Gift und Galle, dann jammerte sie wehklagend und hinterhältig und bat die Prinzessin scheinheilig um Gnade. „Ab in den Kerker mit ihr und ihrem herzlosen Sohn“, befahl Melissa, „ihr Leben lang sollen sie bei Wasser und Brot eingesperrt bleiben“.

Sofort wurden beide in Ketten gelegt und in das dunkle Verließ geführt. Danach hatte man nie wieder etwas von ihnen gehört.

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Am Tag darauf lagen beide Länder, das Land des Glücks und das Reich der Schatten im Freudentaumel, denn man feierte die Krönung der Prinzessin. Von nun an war sie Herrscherin über beide Länder, und der kleine Jan war von nun an ihr Sohn und somit auch der spätere zukünftige König.

Königin Melissa verteilte unter dem Volk alle Schätze und Reichtümer, die ihnen die Hexe gestohlen hatte, und somit gab es keine Armut mehr. Ihrem kleinen Jan aber erzählte sie jeden Tag von ihrem geliebten und warmherzigen Vater, damit er rechtzeitig lernte, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und er auch einmal ein gerechter König werden konnte.

ENDE

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Ein Kommentar

Im Schloß der 1000 Tränen

Es war einmal vor langer Zeit ein kleines Dorf, in dem nur rechtschaffene und fleißige Menschen lebten. Jede Familie hatte ihr eigenes kleines Häuschen, kunterbunt in den fröhlichsten Farben bemalt und mit einem Dach aus schützendem Stroh. Sie bestellten ihr Land, versorgten mit viel Liebe ihr Vieh und hatten reichlich zu essen. Sorgen waren ihnen fremd, und so lebten sie fröhlich in den Tag hinein. Bis zu jener Stunde, die alles verändern sollte. Zwei Liebende, Jan, Sohn eines Schusters und Martha, Tochter eines Bauern, waren von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden.

Die sofort eingeleitete Suche nach den beiden blieb ergebnislos. Keiner hatte sie jemals wiedergesehen, und viele Gerüchte kursierten im Dorf herum. Einer meinte, sie wären im See ertrunken, ein anderer glaubte, sie hätten sich im nahegelegenen Wald verlaufen und wären von den Wölfen gefressen worden. Andere flüsterten hinter vorgehaltener Hand, dass es bestimmt etwas mit dem unheimlichen, finsteren und verlassenen Schloss zu tun hätte, in dem nur Geister und böse Mächte wohnten.

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Ein jeder hatte etwas gehört oder glaubte etwas zu wissen, aber keiner von ihnen kannte die Wahrheit. Seit jenem Tag lag ein dunkler Schatten über dem Dorf.

So vergingen ein paar Jahre, und kaum jemand verlor mehr einen Gedanken an die beiden, nur der Vater des Mädchens hatte seit dem Verschwinden seiner Tochter kein Wort mehr gesprochen. 

Und wieder neigte sich ein schöner Sommer dem Ende zu. Abends wurde es schon recht kühl, deshalb sagte eine Dorfbewohnerin zu ihrem kleinen Sohn: „Ole, bitte gehe morgen in den Wald und sammle dort die herabgefallenen Tannenzapfen ein. Wir brauchen sie, um abends ein kleines Feuerchen in unserem Ofen anzufachen“. Am nächsten Morgen machte sich Ole auf den Weg und tat was ihm die Mutter aufgetragen hatte. Er nahm sich einen kleinen Sack und machte sich fröhlich pfeifend auf den Weg in den nahegelegenen Wald. Dort angekommen sammelte er flink und behände die kleinen Zapfen auf.

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Ein kleiner, bunter Vogel begleitete seinen Weg und erfreute den Jungen mit seinem Gesang. Der kleine Ole war so sehr mit seiner Aufgabe und mit den schönen Melodien des Vogels beschäftigt, dass er gar nicht bemerkte, dass er vom Weg abgekommen war und sich nun mitten im Wald, in der unmittelbaren Nähe des finsteren Schlosses, befand.

„Sieh nur was du mit deinem Gesang angerichtet hast“, flüsterte der Knabe leise seinem Wegbegleiter zu, „nun habe ich mich verlaufen und finde den Weg zum Dorf nicht mehr“. Der Vogel flatterte aufgeregt von Ast zu Ast und fing noch lauter, noch schöner an zu singen, als wollte er dem Ole sagen, er solle seinen Weg fortsetzen und ihm folgen. Das tat er dann auch zögernd und stand bald vor Angst zitternd, aber dennoch neugierig vor den Toren des Schlosses.

Zaghaft klopfte er mit seinen kleinen Händen gegen die schwere, morsche Tür. Wie von Geisterhand öffnete sich diese laut karrend, und der kleine Mann trat, nach dem er all seine Mut zusammen genommen hatte, ein. Zunächst umgab ihn Dunkelheit, nur da und dort erhellte eine kleine Fackel den unheimlichen Raum, und schemenhaft konnte er eine Gestalt erkennen, die schauderhafter nicht sein konnte. Er erkannte einen Greis in buckliger Gestalt, seine Augen waren blutunterlaufen, seine Ohren so groß und spitz wie die einer Fledermaus, und seine Haut war ledernd und voller Warzen. „Komm näher“, hörte Ole eine tiefe aber dennoch warmherzige Stimme rufen, und folgte herzklopfend der Aufforderung.

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„Wer bist du, und woher kommst du?“ fragte der Alte, der sich aus dem Schein der Fackeln entfernte, um sich Schutz in der Dunkelheit zu suchen. Damit wollte er dem kleinen Gast seinen grauenvollen Anblick ersparen. „Ich heiße Ole, komme unten aus dem Dorf und habe mich verlaufen, und wer bist du?“ sagte und fragte er schon etwas vertrauensvoller und trat noch ein paar mutige Schritte näher. „Man nennt mich Barnabas den Schrecklichen, und der kleine Vogel ist mein Leidensgefährte und Wegbegleiter. Ich weiß nicht wer ich bin, auch nicht woher ich komme, weiß nicht wie alt ich bin und auch nicht wie lange ich hier schon lebe. Mich quält die Einsamkeit und die Traurigkeit über eine vergessene Liebe“.

Nach einer fast endlos langen Stille sprach er dann weiter: „Bitte bleibe, sei einige Zeit mein Gast, vielleicht kannst ja du mein Herz ein wenig erfreuen“. Er bat darum mit solch einer traurigen Stimme, das der Junge dass Gefühl hatte, sein Herz würde sich zusammenziehen. „Meine Mutter wird sich ängstigen“, dachte Ole bei sich, versprach aber dennoch für eine Weile zu bleiben. „Gut“, sagte dieser, „sei willkommen. Nimm diesen goldenen Fingerhut und fülle ihn jeden Tag einmal mit Wasser aus der Quelle im Kellergewölbe, dann gib dem Vogel davon zu trinken. Vergiss es aber nicht, denn es ist wichtig. Vergisst du es nur einmal, so muss er qualvoll verenden“.

Der Knabe nahm bedächtig den Fingerhut, an dem ein glitzerndes Kettchen befestigt war und hängte dies um seinen Hals. Der Greis drehte sich um, schleppte sich stöhnend eine Treppe, aus schwerem Marmor hinauf und verschwand hinter einer großen, mit Eisen beschlagenen Tür. Ole dagegen machte sich auf die Suche nach der besagten Quelle, um den Vogel mit frischem Wasser zu versorgen. Kaum hatte er diese gefunden, kam auch schon freudig der singende kleine Freund angeflogen und trank von dem köstlichen Getränk, das ihm der Knabe reichte.

Der alte Barnabas ließ sich an diesem Abend nicht mehr sehen, und so suchte sich der Ole ein gemütliches Plätzchen in der Nähe einer wärmenden Fackel und bereitete aus Stroh und Decken sein Nachtlager.

Als die Nacht hereinbrach, konnte er aus der Kammer, in der der bucklige Greis verschwand, ein lautes Wehklagen hören. Ja es war eher ein bitterliches Schluchzen und Weinen. Mitleidsvoll lauschte er dem Geräusch und nahm sich fest vor, hinter das Geheimnis des Alten zu gelangen, dann schlief er ein.

Als die Morgensonne mit ihren ersten Strahlen den Jungen wachkitzelte, sprang dieser sofort von seinem Nachtlager auf, eilte zur Quelle und füllte seinen Fingerhut mit Wasser. Danach versorgte er den kleinen Vogel und rief nach dem alten Mann. Dieser kam aus seiner Kammer und nahm den Jungen behutsam bei der Hand und flüsterte: „Eines musst du dir merken, du darfst niemals meine Kammer betreten und auch dann, wenn du mich wieder verlässt, mit keiner Menschenseele darüber reden, was du hier gesehen, gehört und erlebt hast. Kannst du mir das versprechen?“ „Ja“, aber ja doch, gewiss“, sagte Ole verlegen, und ihm fiel sein gefährlicher Plan wieder ein.

Am darauffolgenden Abend nahm er sich vor, in die Kammer des Buckligen zu schleichen und ihn heimlich zu beobachten. Bevor sich der Alte, wie am Vorabend, zurückzog, tastete sich Ole leise die Treppe hinauf, öffnete vorsichtig die Tür und verschwand hinter einem der Dachbalken, die die Zimmerdecke des Raumes stützten. Kaum war er hinter diesem verschwunden, betrat Barnabas auch schon den Raum. Er setzte sich vor das Fenster und schaute zum nächtlichen Himmel hinauf und wehklagte: 

„Oh du mein Herz, oh du geliebtes mein,

sieh nun hier des Mondesschein allein.

Kann all das Leid nicht mehr ertragen,

kann weder Wind noch Sterne fragen.

Wo bist du, wo kannst du nur sein?

Oh du mein Herz, oh du geliebtes mein“.

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Eine große Träne kullerte aus seinen Augen und als sie auf den Boden fiel und diesen berührte, verwandeltete sie sich sofort in einen funkelnden Diamanten.

Als dies alles der Ole hörte und sah, wurde auch er sehr traurig. Er harrte aber dennoch  solange hinter seinem Versteck aus, bis der alte Mann endlich eingeschlafen war. Dann schlich er sich aus dessen Kammer und legte sich auf sein Lager. Unruhig und verwirrt ließ er das Erlebte sich noch einmal durch den Kopf gehen. Welch ein großer Zauber steckte hinter alledem? Warum sah Barnabas so aus, warum wich der kleine Vogel nie von seiner Seite, und warum verwandelten sich seine Tränen in Diamanten? Der Knabe wurde in seiner Neugier so sehr gestärkt, dass er den Alten solange nicht mehr aus den Augen lassen wollte, bis er hinter all die Geheimnisse und Zaubereien gekommen war. Unausgeschlafen und noch überwältigt von dem Erlebten, eilte Ole zur Quelle und wollte das Wasser für den Vogel holen. Doch die Quelle war versiegt und gab keinen von den kostbaren Tropfen mehr frei. Mit Schaudern musste er daran denken, was ihm der Greis gesagt hatte.

„Dass nun das Vögelchen jämmerlich verdurstet, darf ich nicht zulassen. Ich muss frisches Wasser für ihn finden“, dachte er bei sich, aber so sehr er auch im ganzen Schloss suchte, es gab es keinen Brunnen und somit keine weitere Wasserquelle. Traurig und völlig hilflos saß Ole schluchzend in einer Ecke und fühlte sich schuldig, denn er war der Meinung, dass nur durch seine Neugier dieses Unglück herbeigerufen wurde. Hatte ihn Barnabas nicht gewarnt, hatte er ihn nicht ermahnt und ihm verboten, jemals seine Kammer zu betreten? Da fiel ihm sein nächtliches Erlebnis wieder ein, und ihm kam der rettende Gedanke. Abermals musste er des nachts in die Kammer des Alten, um ihn zu beobachten. Er wollte sich heimlich anschleichen und die Träne, die er vergoss mit seinem goldenen Fingerhut auffangen. Er musste behände vorgehen, denn sobald sie den Boden berührte, wäre sein Plan gescheitert, und sie würde sich in den Stein verwandeln.

„Ja, das ist die Lösung, damit hätte ich eine Chance den Vogel zu retten und mein Ungehorsam wieder gutzumachen“, dachte er bei sich und bereitete sich auf sein Vorhaben vor. Und wieder versteckte sich Ole hinter dem Holzbalken und wartete auf Barnabas. Als dieser vor seinem Fenster saß und abermals den nächtlichen Himmel ansah, schlich sich der Knabe leise von hinten an den Alten heran. Gerade in diesem Moment rollte dem eine Träne über die Wange. Schnell streckte Ole die Hand, mit der er den Fingerhut hielt, aus und fing die Träne geschickt darin auf. Nun brauchte er nur noch abzuwarten bis der alte Mann eingeschlafen ist, dann konnte er sich mit seinem kostbaren Getränk für den kleinen Freund aus dem Zimmer schleichen.

Als dies alles unbemerkt geschehen war, rief er nach dem Vogel, aber er kam nicht mehr angeflogen. Voller Angst und Panik, dass es doch schon zu spät sein könnte, machte er sich auf die Suche nach ihm. Er fand ihn schwach und kraftlos in einer Ecke zusammengekauert sitzend. Schnell hielt ihm Ole den kleinen Behälter hin und beträufelte vorsichtig seinen kleinen Schnabel mit Barnabas Träne. Kaum hatte dieser von der Flüssigkeit getrunken, gab es einen fürchterlichen Knall, dichter Rauch stieg empor, und eine Druckwelle schleuderte den Jungen gegen die Wand.

Benommen und starr vor Schreck stand Ole da und sah schemenhaft eine Frauengestalt aus dem Rauch steigen. Er sah in ein wunderschönes lächelndes Gesicht und hörte wie aus weiter Ferne eine zarte Stimme sagen: „Danke, vielen Dank für deinen Mut. Aber die Zeit eilt, denn das Unheil ist noch nicht beendet. Du darfst Barnabas, dem Schrecklichen, nichts von meiner Erlösung erzählen. Kein Sterbenswörtchen über meinen Verbleib darf über deine Lippen kommen, sonst war alles umsonst, versprichst du mir das?“ Noch zitterten Oles kleine Knie, dennoch gab er hoch und heilig sein Versprechen ab. Dann eilte die Schöne hinaus in die sternenklare Nacht und ließ den Jungen mit seinem Schicksal und mit dem alten Mann allein zurück.

„Wo ist mein Wegbegleiter?“ hörte Ole die polternde und ungeduldige Stimme von Barnabas. „Ich habe ihn den ganzen Tag noch nicht gesehen“. „Ich auch nicht“, entgegnete der Kleine kleinlaut und bemerkte einen dicken Kloß in seinem Hals. Fast wahnsinnig vor Angst suchte Ole Schutz hinter einer Säule und beobachtete den Greis, wie er hektisch in allen Ecken nach dem Vogel suchte. Dann warf Barnabas sich einen Umhang über, riss die Schlosstür mit solch einer Gewalt auf, dass sie aus den Angeln riss und krachend auf  dem steinharten Schlossfußboden zerschellte.

Schreiend mit den Worten: „Oh welch ein Unglück, oh welch ein Unheil“, rannte er in die helle Vollmondnacht hinaus. Ole überlegte, ob er ihm folgen sollte, oder ob es nun doch besser für ihn sei, die Flucht zu ergreifen, aber er musste an die schöne Fremde denken und an all das Unerklärbare, deshalb entschied er sich, den Greis aus sicherer Entfernung weiterhin zu beobachten und ihn nicht aus den Augen zu lassen.

Eine zarte Stimme untermalte den leisen Wind, die sich immer und immer wieder wiederholte: „Jan, erinnere dich, Jan, erinnere dich“. Zuerst glaubte Ole, seine Ohren spielten ihm einen Streich, aber auch Barnabas vernahm die Stimme, und seine Schritte wurden immer schneller, so schnell, dass die kleinen Beinchen des Jungen kaum mithalten konnten. „Ich erinnere mich, oh ja, ich erinnere mich“, schrie der Alte laut und machte dann endlich vor einer ihm wohlbekannten, kleinen Bank am Waldesrand halt.

Dort saß die fremde Schönheit, das helle Mondlicht ließ ihr Gesicht noch schöner erscheinen, als es schon war. Zögernd und unsicher näherte sich Barnabas der jungen Frau und streckte ihr seine Arme entgegen. Langsam erhob sich die Fremde und umarmte den Greis und gab ihm einen zaghaften Kuss. Und wieder gab es einen großen Knall, und abermals stieg ein dichter Nebel auf, und ebenso  überkam eine Druckwelle den kleinen Ole, der sich tapfer im Hintergrund an einem Baum festklammerte.

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„Martha, endlich darf ich dich wieder in meine Armen nehmen“, sagte überglücklich der schöne und kräftige Jüngling, der aus dem dichten Rauch stieg. „Tausend Tränen habe ich um dich geweint, doch nun hat dieser böse Spuck für immer ein Ende. Barnabas, den Schrecklichen, gibt es nicht mehr“.

Während sich die beiden glücklich in den Armen lagen, hörte man den Jungen hinter seinem Versteck leise weinen. All diese Erlebnisse, und die damit verbundenen Ängste, waren zuviel für seine kleine Kinderseele. „Komm herbei, du großer Held“, riefen die Verliebten, „du brauchst nun keine Angst mehr zu haben, schließe dich uns an und begleite uns in unser Dorf“. 

Als der Knabe sich ein wenig gefasst hatte und sich in der Mitte der beiden, händehaltend in Sicherheit wiegte, fragte er nun wieder neugierig: „Warum wart ihr verzaubert, und wer hat euch das alles angetan?“ Martha antwortete: „Wir wissen es selbst nicht“, und Jan bemerkte etwas zornig: „vielleicht bekommen wir im Dorf eine Antwort darauf. Irgendeinen Grund wird es dafür geben, und den werden wir erfahren“!

Als das glückliche Trio im Heimatdorf eintraf, war der Jubel groß. Alle Einwohner eilten herbei, um sie freudig zu begrüßen. Vor allem Oles Mutter. „Junge, wo hast du nur gesteckt? Ich hatte mir solche Sorgen gemacht“, rief sie und wischte sich ihre Freudentränen aus den Augen. Der Kleine fing an munter darauf loszuplappern. Er erzählte von Barnabas, der im geheimnisvollen Schloss wohnte und von dem Vogel, den Tränen, die zu Diamanten wurden, vom goldenen Fingerhut, und er konnte vor Eifer und Aufregung gar nicht mehr aufhören zu erzählen. Unterdessen gingen Martha und Jan zu ihrem Vater. Als sie vor dessen Haus standen, überkam die junge Frau eine große Unruhe. „Jan“, flüsterte sie, „mir ist unheimlich. Es ist noch nicht vorbei, ich habe Angst, dass wir hier die traurige Wahrheit erfahren“. Jan nahm seine Braut schützend in die Arme und öffnete die Tür. Als sie vor dem Bauern standen, durchfuhr ein heftiger Schmerz Marthas Herz.

Ihr Vater war um viele Jahre gealtert. Abgemagert und kraftlos saß er in seinem abgewetzten, alten Sessel. Seine Augen starrten leer und leblos auf ein Bild seiner geliebten Tochter. Als sie näher traten, richtete sich sein Blick langsam und behäbig auf die beiden jungen Menschen. Zunehmend konnten sie erkennen, wie wieder Leben in sein Körper zurückkehrte. Sein Blick wurde klarer, und ein Hauch von Lächeln lag über seinem aschfahlen Gesicht. „Kind, Martha, bist du es wirklich?“ fragte zweifelnd der Alte mit schwacher Stimme, „sind meine Gebete endlich erhört worden? Jan, du guter Junge, hast du mir meine Tochter heimgebracht? Wie kann ich euch nur um Verzeihung bitten, denn meine Schuld ist zu groß. Ich bin es gewesen, der euch in dieses Leid gestürzt hat. Jeden Tag habe ich mir gewünscht, meine Zunge möge verfaulen, denn nur durch meinen Mund kamen die unüberlegten Worte und die Zusage, die ich dem leibhaftigen Satan gemacht habe“.

Martha und Jan setzten sich auf den Boden, zu Füßen des weißhaarigen Mannes, und baten: „Erzähle uns was damals geschehen ist. Erzähle alles von Anfang an, damit auch wir verstehen können, warum wir durch diese Hölle gehen mussten“. Der Bauer schloss seine Augen und sprach mit leichter, zitternder Stimme: „Es war vor einige Jahren, da betrat ein reicher Edelmann unser Haus. Er hatte von dem Liebreiz und der Schönheit meiner Tochter gehört und warb um ihre Hand. Die kostbarsten Kleider und den wertvollsten Schmuck sollte sie tragen, und um den Haushalt würde sich die Dienerschaft kümmern. Ich war von seinem eleganten Aussehen und seiner vornehmen Art so sehr geblendet, dass ich spontan einwilligte und ihm Martha versprach. Im nächsten Frühling wollte er kommen und sie als seine Frau heimführen. Dann kamst du, Jan, hast ebenfalls um Marthas Hand angehalten, und als ich in die glücklichen Augen meines Kindes sah, wusste ich, dass ich mein Versprechen dem Fremden gegenüber nicht einhalten konnte.

Als der Frühling kam, klopfte der vornehme Edelmann wieder an meine Tür. Als ich von Marthas Liebe zu dir erzählte, und dass ich aus Rücksicht und wegen des Glücks meiner Tochter von meiner Zusage zu ihm zurücktreten müsse, zeigte er sein wahres Gesicht. Der edle Herr stand plötzlich inmitten lodernder Flammen, und sein vornehmes und feines Gesicht verwandelte sich in eine hässliche Fratze. Ich werde den Anblick seiner Höllenaugen und seinen Hörnern nie vergessen. Mit brüllender Stimme schrie er noch folgende Worte, bevor er für immer in dem Feuer verschwand:

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„Magst dein Töchterchen fein loben, oder gar gen Himmel heben,

soll sie von nun an als Vogel hoch über fernen Wolken schweben.

Ihr Liebster, der fesche, feine Schusterbube,

begnadet sei er, mit Hässlichkeit, einsam und allein, in seiner dunklen Stube.

Und du, du weiser Alter, mehr schlau als dumm,

bist von nun an taub und stumm.

Erst wenn der Vogel Tränen aus Diamanten trinkt,

eine Schönheit in seine verkrüppelten Arme sinkt,

soll euer Unheil ein Ende haben,

sollst erst dann wieder hören, reden,

und ihr alle könnt euer Leben fortan mit Freude ertragen“.

„Von jener Stunde an suchten wir nach euch. Aber alles blieb vergebens. Nur ich alleine kannte die Wahrheit, konnte und durfte sie aber keinem preisgeben, sonst wärt ihr für immer verloren gewesen. Nun wisst ihr über meine Schandtat Bescheid. Ich kann euch nur bitten, mir zu vergeben und mich nicht zu hassen“. Jan und Martha hatten aufmerksam zugehört und waren erschüttert über das Geschehene und über den Leidensweg des Alten.

Martha streichelte sanft über seine Wangen, und Jan kniete sich vor den Bauern hin und fragte abermals: „Bauer, darf ich dich hiermit um die Hand deiner Tochter bitten?“ Die Augen des Vaters waren mit Tränen gefüllt, und überglücklich sprach er: „Ich könnte mir keinen braveren Schwiegersohn für mein geliebtes Kind wünschen. Ja, nimm sie zu deiner Frau, seid glücklich und zufrieden mit dem was ihr habt. Und wenn die Zeit reif ist, würde ich mich über ein Enkelchen freuen, damit ich ein guter Großvater sein kann“.

Gleich am nächsten Tag läuteten die Hochzeitsglocken der kleinen Dorfkirche. Martha und Jan wurden nun Mann und Frau. Das ganze Dorf wurde vom stolzen Brautvater zum Hochzeitsmahl eingeladen. Jedoch an der Hochzeitstafel neben den Brautleuten und dem Brautvater war ein besonders schöner Stuhl, mit rotem Samt bezogen und mit Gold verzierten Armlehnen, frei. „Wer soll auf diesem Stuhl sitzen?“ fragte verwundert der Bauer. „Unser Ehrengast“, erwiderten Martha und Jan wie aus einem Mund und zeigten zur Tür, die sich gerade in diesem Moment öffnete.

Stolz betrat der kleine Ole den Festsaal, dann rannte er schnurstracks auf das Brautpaar zu. Seine kleinen Arme umschlangen erst die schöne Braut, dann den Bräutigam. Danach setzte er sich mit geschwellter Brust auf seinen Ehrenplatz. Und da nun alle vom Dorf anwesend waren, erzählten die frischgetrauten Eheleute was der mutige Knabe für sie getan hat, und dass es nur ihm zu verdanken sei, dass sie von dem Zauber befreit wurden und heute hier als Mann und Frau feiern durften.

Von jener Stunde an wurde Ole von allen als Held gefeiert, und man ließ ihn hochleben, hochleben und nochmals hochleben.

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Ende

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Die Wiedergeburt der Hexe Krakele

„Krakele, habe ich dir nicht schon tausendmal befohlen, du sollst von deinen bösen Zaubereien ablassen, dich von den schwarzen Magien und den dunklen Mächten, die dich umgeben, lösen?“ fragte wütend König Ferdinand die Hexe. „Was soll ich nur mit dir machen? Willst du wirklich auf dem Scheiterhaufen enden wie schon die vielen anderen Hexen vor dir?“

Krakele kniff ihre giftgrünen Augen zusammen und spielte gelangweilt mit ihren feuerroten Haaren. „Wir wäre es denn, wenn ich euch zur Abwechslung einmal drohe, königliche Hoheit?“ zischte Krakele zurück, „wie wäre es, wenn ich euch in eine Kröte ja noch besser in einen jämmerlichen Wurm verwandele und euch dann langsam zertrete? Glaubt ihr, ich habe Angst vor einem König, der über ein Volk regiert, das nur aus Pöbel und dem armseligen Mob draußen vor euren Schlosstoren besteht?“ König Ferdinand lief puterrot vor Wut an und brüllte so laut durch sein Schloss, dass man es bis hinunter zum Dorf hörte: „Du hast deine Grenzen soeben überschritten und dein eigenes Todesurteil gefällt!“ Dann rief er die Wachen und befahl ihnen: „Ergreift die Hexe, fesselt und knebelt sie und schafft mir das Weib aus den Augen hinunter zum Scheiterhaufen. Noch in dieser Stunde soll sie brennen! Ich selbst werde das Feuer anfachen und ihrem schändlichen und verruchten Treiben ein Ende bereiten.“ Die Wachen taten, was ihnen der König befohlen hatte, und schleiften die Hexe hinaus auf den königlichen Hof. Dort banden sie Krakele an einen hölzernen Pfahl und breiteten das Feuerholz zu ihren Füßen aus.

Als dann der König mit einer brennenden Fackel in seiner Hand vor sie trat und fragte: „Hast du noch irgendetwas zu sagen?“ spuckte sie vor ihm aus und keifte: „Sage es deinen Kindern, und die sollen es den ihrigen erzählen, dass ich wiederkommen werde. Du glaubst du, könntest dich durch meinen Tod von mir befreien, aber da irrst du. Ich werde mich an deinen Kindeskindern rächen, und meine Rache wird grausamer sein, als du es dir je vorstellen kannst“. Beide sahen sich tief in die Augen als er langsam seinen Arm, in dem er die hell lodernde Fackel hielt, herab ließ und das Brennholz mit deren Feuer entfachte.

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Als die Flammen unter der Hexe lichterloh brannten, hörte man noch immer ihre drohenden Schreie: „Ich komme wieder, denke daran, ich komme wieder!“ Dann, nach wenigen Minuten, war der Spuk vorbei, und übrig von ihr blieb nur ein kleiner Haufen mit Asche.

Zweihundert Jahre sind seitdem vergangen. Viele Könige und Königinnen saßen inzwischen auf Ferdinands Thron. Alle kamen und gingen, wurden geboren und starben eines natürlichen Todes, wenn ihre Stunde gekommen war.

Man schrieb das Jahr 1620.

Es war die Zeit, als der junge König Roland und seine Frau Katharina über das Land und sein Volk regierte. Des Königs Schwester Prinzessin Agnes war mit dem König des Nachbarlandes verheiratet, und alle hatten ein herzliches und liebevolles Verhältnis zueinander. Als Katharina ihrem Gatten berichtete, dass sie sein Kind unter ihrem Herzen trägt, war die Freude groß, und man lud alle zu einem festlichen Ball ein. Knechte und Mägde, Hofdamen und Diener, Bauern und Edelmänner waren gekommen und feierten mit der Königsfamilie die bevorstehende Geburt ihres ersten Kindes, das später einmal die Thronfolge antreten sollte.

Als der Tag gekommen war, schenkte Katharina ihrem Gemahl einen gesunden Sohn das Leben. Er nahm ganz vorsichtig den neugeboren Prinzen in die Arme und sagte überglücklich und mit stolzgeschwellter Brust zu seiner Frau: „Du hast mir das schönste Geschenk gemacht, das man einem Menschen geben kann. Ich danke dir von ganzem Herzen“. „Wie wollen wir ihn nennen?“ fragte Katharina ihren Roland und schaute ihn mit strahlenden Augen an. „Franz soll er heißen“, flüsterte der König während er seinen Sohn sanft hin und her wiegte.

Zwei weitere Jahre sind ins Land gezogen. Der kleine Prinz wurde von allen geliebt, denn durch seine wonnige Art und sein strahlendes Lachen hatte er die Herzen aller erobert. Auch Agnes, die Schwester von König Roland, sollte nun ihr erstes Kind bekommen, und schon bald darauf erblickte ihr kleines Mädchen, Prinzessin Clarissa, im Nachbarland das Licht der Welt.

Als Agnes das Baby innig und liebevoll betrachtete, fiel es ihr auf, dass es anders aussah als all die Vorfahren der königlichen Familie, denn es hatte rotblonde Haare und grüne Augen. Aber sie machte sich deswegen keine Sorgen und verschwendete auch darüber keinen weiteren Gedanken. Sooft die Zeit es erlaubte, besuchten sich gegenseitig die beiden jungen Mütter, damit die Kinder zusammen spielen konnten, denn schließlich waren sie ja Vetter und Base. Franz entwickelte sich zusehends zu einem lebensfrohen und rechtschaffenen kleinen Knaben, während Prinzessin Agnes voller Sorge die Entwicklung ihrer Tochter Clarissa mit ansehen musste. Clarissa war zwar wunderschön, aber anders als die anderen Kinder ihres Alters. Sie war in sich gekehrt, ließ keinen anderen Menschen an sich heran und nahm an keiner der Aktivitäten, die im Schloss stattfanden, teil. Ihre meiste Zeit verbrachte sie zu Hause ganz allein oben im finsteren Dachgewölbe des elterlichen Schlosses, wo sie in vergangener Zeit einen alten, großen Spiegel fand. Vor ihm saß sie stundenlang, schaute mit leeren und kalten Augen in das alte, verstaubte Glas, und auf ihrem Gesicht konnte man ein unheimliches Lächeln, das eher einem höhnischem Grinsen glich, erahnen. Nur wenn Franz sie besuchte, blühte die Prinzessin auf. Sie hielt fest seine kleine Hand und wich nie von seiner Seite. Dann plapperte sie munter darauf los, und gelegentlich konnte man auch ihr helles Kinderlachen hören.

„Sind sie nicht ein hübsches Paar?“ fragten sich oft Agnes und Katharina, wenn sie dem spielerischem Treiben ihrer beiden Kinder zusahen. 

Aber schnell verging ihre Kinderzeit, und der kleine Franz ist zu einem stattlichen und gutaussehenden jungen Prinzen herangewachsen. Auch Clarissa war weit über die Landesgrenzen hinaus für ihr Schönheit bekannt. Ihre rotblonden Haare leuchteten im Tageslicht, als würde man in die Abendsonne schauen, und ihre grünen Augen leuchteten dazu wie zwei funkelnde Smaragde.

Während die Eltern im Stillen hofften, die beiden würden sich eines Tages ineinander verlieben und heiraten, wurde von Franz und Clarissa nie ein Wort darüber gesprochen. Als Prinz Franz seinem Vater offenbarte, dass er sich in eine Schönheit mit dem Namen Dimitra, die aus einem fernen Land weit hinter dem Ozean kam, verliebt habe und sie zu seiner Gemahlin auserwählt hätte, gaben ihm sein Eltern, König Roland und Königin Katharina, ihren Segen und stimmten der Heirat freudig zu.

„Aber was ist mit Clarissa“, wollte seine Mutter wissen, „wirst du ihr das Herz darüber zerbrechen?“ „Nein“, sagte Franz beruhigend zu Katharina, „Clarissa und ich sind wie Bruder und Schwester. Ich liebe sie auf eine andere Art, und ihr wird es wie mir gehen. Eines Tages wird auch sie den Mann ihres Lebens finden, ihn heiraten und mit ihm glücklich sein“. Als Clarissa von den Heiratsplänen hörte, zog sie sich noch mehr zurück als je zuvor. Nun verbrachte sie den ganzen Tag vor dem geheimnisvollen Spiegel dort oben im Dachgewölbe, bürstete ihr langes, rotes Haar und lächelte immer wieder in ihn hinein und murmelte ein paar unverständliche Worte. Und manchmal blieb sie auch die darauffolgenden Nächte dort.

Als die Zeit der Hochzeit nahte, sprach König Roland zu seinem Sohn: „Ich habe das Land nun lange genug regiert, ich bin müde und alt geworden. Am Tag deiner Vermählung sollst du nun auch meine Krone übernehmen und König über unsere Untertanen werden“. Hell läuteten alle Hochzeitsglocken an dem Tag, an dem nun Franz seine schöne Braut zum Altar führte und er anschließend Krone und Zepter seines Vaters übernahm. Nun war er König, König über ein ganzes Land und dessen Volk und glücklich, weil er mit seiner großen Liebe für immer vereint war. Alle geladenen Gäste gratulierten dem jungen Brautpaar und übergaben ihre kostbaren, mitgebrachten Geschenke.

Auch Clarissa war gekommen, noch schöner wie eh und je. Sie schaute der jungen Braut tief und fest in die Augen, dass dieser angst und bange wurde, dann sagte sie mit leiser und höhnischer Stimme zu ihr, so dass es keiner der anderen Anwesenden hören konnte: „Meinen herzlichen Glückwunsch, euer Hoheit. Passt nur gut auf, dass ihr euer Glück recht lange genießen könnt. Eine alte Sage berichtet, dass die Zeit gekommen ist, ein altes Versprechen einzulösen“. Dann verließ Clarissa das Fest und ließ sich dort am Hofe nie mehr sehen. Die junge Frau hatte nicht den Mut, über diesen Vorfall mit ihrem Gatten zu sprechen, deshalb behielt sie die Sache für sich, und mit der Zeit verblasste auch ihre Erinnerung daran.

Als der Tag kam und die junge Frau ihrem König Franz das Leben eines Sohnes schenkte, mischte sich unter die Freude über die Geburt auch große Trauer. Die schwache und nicht mehr zu Kräften kommende Dimitra ergriff noch ein letztes Mal die Hand ihres geliebten Mannes und flüsterte ihm zu: „Pass gut auf unseren Jungen auf, dass ihm nie ein Leid geschieht“, dann schloss sie für immer mit einem sanften Lächeln auf den Lippen ihre Augen. Regungslos und voller Entsetzen über den Tod der jungen Frau stand die Königsfamilie vor dem Bett der Verstorbenen. König Franz, der seinen kleinen neugeborenen Sohn vorsichtig in seinen Armen hielt, war wie gelähmt und hatte das Gefühl, man wolle ihm sein Herz herausreißen. Er legte ein letztes Mal den Säugling, den er liebevoll nach einem seiner vielen Urgroßväter Ferdinand nannte, in die Arme seiner toten Mutter, damit auch er Abschied von ihr nehmen konnte.

Als Clarissa die Todesnachricht der jungen Königin erhielt, lief sie eiligst zu dem Spiegel, riss das staubige Tuch, dass ihn verhüllte, herunter und stellte sich lachend vor ihn.

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Dann rief sie mit schadenfroher und schriller Stimme:

„Mein geliebter Spiegel, zeig mich wie in vergangenen Tagen,

kann diesen Anblick von der schönen Clarissa nicht länger ertragen.

Nur wir beide, wir wissen um mein Geheimnis und meinen tödlichen Bann,

habe ich erst einmal das Vertrauen des Königs,

komm ich mit List und Tücke auch schneller an den neugeborenen Knaben heran.

Er soll leiden wie ich damals vor zweihundert Jahren, dort auf dem Scheiterhaufen,

einst grausam und mächtig mit grünen Augen und feuerroten Haaren“.

Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, klirrte und knarrte es in dem alten, mit Gold verziertem Holz, in dem der Spiegel in vergangenen Jahren einst eingelassen wurde. Dann erschien, wie durch einen Schleier hindurch, das wahre Abbild von Clarissa. Endlich sah sie ihr eigenes Gesicht und ihre wahre Identität. Sie sah………..Krakele, die Hexe, die vor mehr als 300 Jahren von dem alten König Ferdinand zum Tode durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde. Nur die beiden, der Spiegel und sie selbst, wussten von dem grausamen Geheimnis, und kein anderer Mensch hatte je die Möglichkeit, außer der schönen Clarissa, eine andere Person hinter ihr zu erkennen.

„Willkommen im Leben“, lachte sie und grinste dabei sich selbst im Spiegelbild an. „Es wird nun Zeit, dass ich endlich meine Rache an der Königsfamilie nehme. Habe ich es nicht einst versprochen? Und Versprechen muss man halten“, geiferte sie gehässig weiter und machte sich daran, ihren Schwur von einst nun endlich wahr werden zu lassen. Sie machte sich auf die Reise zu ihrem Vetter, dem König Franz und seinem Sohn.

Dort angekommen, umarmte sie scheinheilig den Trauernden und heuchelte: „Dein Kind braucht eine Mutter. Unsere Eltern sind zu alt, um sich um ihn zu kümmern, ich dagegen kann ihm Liebe und Geborgenheit schenken, auch wenn es nicht mein leibliches Kind ist. Lass mich eine Weile bei dir bleiben und für das Kind sorgen“.

Franz brauchte nicht lange zu überlegen, denn gern nahm er das Angebot von Clarissa an, denn er selbst war noch nicht in der Lage, sich um seine königlichen Pflichten und um Ferdinand zu kümmern. Viel zu groß war noch seine Trauer um sein geliebtes Weib. Clarissa ließ ihr Gepäck, darunter auch den verhüllten Spiegel, auf ihre Gemächer bringen und sah sich am Anfang ihres Ziels. Sie ließ mit Absicht einige Monate verstreichen und zeigte sich von ihrer allerbesten Seite, auch wenn es ihr schwer fiel, denn keiner durfte nur den geringsten Verdacht schöpfen, wer sie in Wirklichkeit war. Täglich umsorgte sie den kleinen Prinzen, umschmeichelte auch hier und da den König Franz und seine Eltern und tat alles, bis man ihr blindes Vertrauen schenkte. Dann, in jener Nacht, wollte sie ihre Rache ausüben und den tödlichen Plan in die Tat umsetzen. In dieser Nacht sollte der Sohn des Königs, der kleine Ferdinand, sterben. Sie nahm das schlafende Kind aus seinem Bettchen, wickelte es in eine Decke und schlich sich mit ihm aus dem Schloss. Sie musste weit laufen, bis sie oben auf dem Berg stand. Von hier aus sollte der Knabe herunterstürzen.

„Hörst Du mich rufen?“ schrie sie in den nächtlichen Himmel hinein, „ich habe gesagt, ich komme wieder und dass ich mich Rächen werde, und heute ist mein Tag gekommen. Verflucht seist du und alle deine Nachkommen!“ Dann hob sie den Knaben in die Luft und warf das kleine Bündel hinab in die Schlucht. Schnell drehte sie sich um, und noch während das Kind fiel, eilte sie schnell zum Schloss zurück.

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Ein schwarzer Vogel, der mit seinen scharfen Augen den Fall des Jungen bemerkt hatte, kam mit großen Schwingen angeflogen, packte das fallende Kind mit seinem kräftigen Schnabel und flog mit ihm zurück in Richtung Schloss. Dort setzte er es vorsichtig und sanft in das grüne, weiche Gras. König Franz, der dies alles beobachtet hatte, eilte so schnell er konnte, herbei und schloss seinen verängstigten und weinenden kleinen Sohn in die Arme. „Danke“, sagte der überglückliche Vater „aber sage mir, was ist geschehen?“ Der Vogel antwortete:

„Von hoch über den Wolken und durch frischen Wind

bringe ich zu dir heim das kleine Königskind.

Von den Klippen sollte es stürzen, tief unten liegen, auf dem Boden zerschlagen,

ich konnte es noch rechtzeitig packen und dann durch die Lüfte tragen.

Du musst auf deinen Sohn besonders achten,

man wollte ihm nach seinem jungen Leben trachten.

Denn eine böse Macht mit rotem Haar und grünen Augen

ist euer Sohnes größter Feind, ich hab`s gesehen, ihr könnt mir glauben“.

Dann erhob sich der Vogel, breitete seine Flügel aus und verschwand hinter einer dunklen Wolke. Die Hexe, die inzwischen ins Schloss zurückgekehrt war, enthüllte ihren Spiegel und bewunderte sich selbst. Seelenruhig, als wäre nichts geschehen, kämmte sie ihr Haar und begab sich danach in ihr Schlafgemach.

Als Clarissa am nächsten Tag das Kind gesund und unversehrt erblickte, wurde sie kreidebleich. „Welcher Zauber und welche Mächte sind hier am Werk“, ging es ihr durch den Kopf, und sie schmiedete für die kommende Nacht einen neuen, noch schrecklicheren Plan, um den kleinen Prinzen erneut und dann für immer zu töten. An diesem Tage jedoch spielte sie weiter die umsorgende, liebevolle Base, die die Geschehnisse der vergangenen Nacht ungläubig und erschüttert zur Kenntnis nahm. Keiner der Königsfamilie wäre auf den Gedanken gekommen, dass Clarissa gar nicht sie selbst ist, sondern eine wiedergeborene Hexe.

Als die kommende Nacht hereinbrach, wickelte sie abermals den schlafenden Knaben in ein Tuch, verließ mit ihm das Schloss und machte sich auf den Weg zum nahegelegenen Meer. Dort stieg sie in eines der Fischerboote und ruderte mit dem Prinzen so weit hinaus, dass sie das Ufer nur noch erahnen konnte. Dann warf sie das kleine Bündel ins Wasser und ruderte so schnell sie konnte zurück ans Land.

Tief immer tiefer sank der kleine Ferdinand hinunter, bis er auf dem Meeresboden zwischen Korallen und Algen liegen blieb. Da kam ein großer, bunter Fisch angeschwommen, schnappte sich das kleine Bündel und stieg mit ihm auf bis hin zur Wasseroberfläche. Dann glitt der Fisch langsam und besonders behutsam durch das Wasser bis hin an das rettende Ufer und legte den Knaben dort ab.

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Als König Franz den durchnässten und fast leblosen Körper seines Sohnes in den Armen hielt, musste er bitterlich weinen, hatte er doch noch nicht den Schrecken der vergangenen Nacht verarbeitet. „Danke lieber Fisch“, sagte leise der Vater „kannst du mir sagen, was geschehen ist?“ Da sprach der Fisch zum König:

„Tief unten auf dem Meeresgrund

fand ich den Knaben mit geschlossenen Augen und offenem Mund.

Er sollte ertrinken im feuchten Grab, für immer zwischen den Algen liegen,

ich hab ihn rechtzeitig gefunden und konnte somit seinen nahenden Tod besiegen.

Seid auf der Hut, lasst euren Sohn nie aus den Augen, nie mehr allein,

schon morgen ist ein neuer Tag, und das Unglück könnte dann noch größer sein.

Denn eine böse Macht mit rotem Haar und grünen Augen

ist euer Sohnes größter Feind, ich hab`s gesehen, ihr könnt mir glauben“.

Dann drehte sich der Fisch um und verschwand irgendwo im weiten Meer. In warmen Decken gehüllt lief der König mit seinem frierenden Sohn zurück ins Schloss und legte ihn in sein warmes Bettchen. Dann setzte er sich zu ihm und bewachte ihn dort die ganze Nacht.

Als der Morgen graute und Clarissa den lebenden Knaben in seinem Bett erblickte, durchfuhr es sie wie ein Blitz. Sie konnte kein Wort herausbringen. Als König Franz sie nun doch misstrauisch und fragend ansah, konnte sie seinem Blick nicht standhalten, wandte sich von ihm ab und eilte zu ihren Gemächern. Aber er hegte keinen weiteren Verdacht gegen sie, denn kannten sie sich nicht schon von Kindes an? „Nein“ dachte sich Franz, „Clarissa hat mit der Sache nichts zu tun“ und verwarf jeden weiteren Verdacht gegen sie.

„Welche Macht“, fragte die Hexe sich vor dem alten Spiegel „welche Macht ist hier im Spiel“. Sie zitterte und bebte vor Wut. Sie rüttelte und schüttelte an dem Spiegel und rief immer wieder laut kreischend: „Ihr Mächte der Finsternis, ihr Mächte der schwarzen Magie, warum lasst ihr mich im Stich? Tue ich nicht alles, um euren Namen alle Ehre zu machen?“ Dann hielt sie inne, denn sie hatte eine neue Idee, wie sie den Jungen ein für allemal töten und somit loswerden konnte.

Dieses Mal wollte sie ihr Glück am Tag versuchen und bereitete ihren Plan zügig vor, damit sie keine Zeit verliert, denn die Sonne stand schon hoch am Himmel, und der Abend ließ nicht mehr lange auf sich warten. Unter dem Vorwand, mit dem kleinen Ferdinand noch einen Spaziergang zu machen, hüllte sie ihn in eine wärmende Decke, nahm ihn auf den Arm und ging langsam, damit keiner einen Verdacht schöpfte, in Richtung Wald. Ihr war wohlbekannt, dass dort wilde Bären lebten, die am Tag schliefen und nachts ihre Beute rissen, und genau einen davon wollte sie finden.

Als sie vor einer riesigen und finsteren Höhle stand und ausfindig machen konnte, dass diese von einem Bären bewohnt war, legte sie das eingehüllte Kind in der Höhle ab und verschloss diese von außen mit einem schweren Felsstück. Dann zerriss sie ihre Kleidung, brach ein paar Äste von den Bäumen und ritzte sich mit deren Spitzen tiefe Wunden in ihre Arme und Beine bis sie blutete. Als man sie in diesem Zustand und ohne das Kind auf das Schloss zukommen sah, benachrichtigte man sofort den König. Der kam auch gleich angelaufen und schrie Clarissa an: „Was ist passiert wo ist mein Sohn?“

Die Hexe erzählte mit weinerlich verstellter Stimme dass sie am Waldesrand von einem Bären angefallen wurde, der sie schwer verletzte, und ihr das Kind aus den Armen riss und mit ihm in den Wald verschwand. Dann täuschte sie eine Ohnmacht vor und ließ sich in das Schloss tragen, wo man sie mitfühlend umsorgte. König Franz befahl sofort nach dem Bären zu suchen und ihn zu töten, aber jegliche Suche nach dem Tier war vergeblich. Während Clarissa mit sich und ihrem langersehnten Erfolg nach Rache nun erst einmal zufrieden war, brachte die Trauer und der Schmerz den König beinahe um seinen Verstand. Aber in der Bärenhöhle, wo der Bär inzwischen erwacht war und das kleine Menschenbündel ausgiebig beschnupperte, geschah etwas, womit die Hexe nicht gerechnet hatte.

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Zuerst zerschlug der Bär mit einem mächtigen Prankenhieb das Felsstück vor seinem Höhleneingang, und dann erst näherte er sich wieder dem Kind. Vorsichtig, damit er es nicht verletzte, nahm er es auf seinen Arm und hielt es zaghaft schützend an seinen wärmenden Pelz. Dann machte er sich mit dem Knaben auf den Weg zum Schloss. Leise brummte er dabei vor sich hin, als wolle er seinem Schützling ein Schlaflied singen.

Schon von weitem sah man im Schloss den Bären kommen und ängstlich schaute das Hofpersonal hinter ihren Gardinen hervor. Nur der König hatte eine Ahnung und lief dem Bär mutig entgegen. Als er diesem riesigen Koloss gegenüberstand, sprach der Bär:

„In meiner dunklen Höhle fand ich deinen Sohn, frierend und verlassen,

man wollte dass ich ihn töte, und alle Menschen sollten mich dafür hassen.

Ich sollte dem Knaben sein junges Leben nehmen, ich fresse keine Menschen,

nasche lieber am Honig und will ihn dir hiermit übergeben.

Pass gut auf den Kleinen auf, lass ihn von nun an nie allein,

heute hatte er noch einmal Glück gehabt, morgen könnte es schon anders sein.

Denn eine böse Macht mit rotem Haar und grünen Augen

ist euer Sohnes größter Feind, ich hab`s geträumt, ihr könnt mir glauben“.

Dann übergab der Bär dem überglücklichen Vater seinen kleinen Sohn und trottete zurück in den Wald, noch ehe sich der König bei ihm bedanken konnte. Mit seinem Ferdinand auf dem Arm betrat König Franz freudig die Gemächer von Clarissa und wollte ihr mitteilen, dass ihr Kummer nun auch ein Ende haben soll. Als diese das Kind erblickte, fing sie an zu zetern und zu schreien, raufte sich die Haare und stampfte wie wild auf den Fußboden. Danach rannte sie wie eine Furie quer durch das Zimmer und schrie: „Das kann nicht sein, Höllengrund und Hexendreck, das kann nicht sein!“

Dann nahm sie den erstbesten Gegenstand, der ihr in die Hände kam, und schlug auf ihren Spiegel ein, ohne zu ahnen, was sie damit anrichtete. Denn war der Spiegel erst einmal zerstört, konnte jeder die Hexe sehen und erkennen, und das Bild von der schönen Prinzessin Clarissa wäre für immer erloschen.

Als dieser dann in tausend kleine Scherben zersplittert am Boden lag, sah der König vor sich eine wildfremde Frau. „Du bist nicht Clarissa meine Base, wer bist du, und wie kommst du hierher?“ fragte der König erschrocken. „Eine Clarissa gibt es nicht und hat es nie gegeben“ zischte die rothaarige Hexe speicheltriefend zurück. „Ich, Krakele, einst von deinem Ururgroßvater auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wurde mit Hilfe aller Höllenmächte wiedergeboren, um dich und deine Familie für immer auszurotten. Aber was mir bis heute nicht gelungen ist, kann ich an einem anderen Tag erledigen“.

„Es wird keinen anderen Tag mehr für dich geben“, herrschte Franz die Hexe an. „So, wie es einer meiner Großväter in der Vergangenheit tat, so will auch ich es halten. Noch heute sollst du auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, und damit du nie wieder wiedergeboren werden kannst, soll deine Asche weit über dem Meer verstreut werden“. König Franz ordnete die sofortige Verbrennung von Krakele an, damit sie keine Gelegenheit und Zeit mehr hatte, seinem Sohn, seiner Familie oder jedem anderen aus seinem Volk zu schaden. Danach wurde ihre Asche, wie es der König befohlen hatte, draußen im Meer verstreut.

Im ganzen Königreich, auch in dem Nachbarreich, wurde nie wieder über Clarissa gesprochen, damit das Erlebte schnell aus den Köpfen der Menschen verschwand und somit in Vergessenheit geriet.

Ende

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Das Märchen vom kleinen Kobold und der Königstochter

Es war einmal ein kleiner Kobold mit Namen Adrian. Er war ein Glückskobold, denn er war in der Lage, traurigen und alleingelassenen Menschen für ein paar Stunden Glück zu schenken. Dafür hatte er drei Wünsche und sein Säckchen, vollgefüllt mit goldenem Zauberstaub, zur Verfügung. Aber er musste acht- geben, denn wenn er seinen dritten und letzten Wunsch jemandem schenkte, ohne dass der ihn aus tiefsten und reinsten Herzen liebte, musste er für den Rest seines Lebens im Wald der ewigen Finsternis verbringen.

Adrian lebte glücklich und zufrieden in seinem Wald, bis er von der schönen aber traurigen Königstochter Jolanda erfuhr. Sie sollte auf Wunsch ihres Vaters den grausamen und bösen König Aktus aus dem Land der Nöte heiraten. Den König, der durch seine Habgier sein Volk leiden ließ und bei dem Krankheit und Hungertod ein ständiger Gast war. Sie und ihr Vater waren dem mächtigen König hilflos ausgeliefert und musste sich seinen Willen beugen.  

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Jede Nacht weinte sich die Prinzessin in den Schlaf, und je näher der Tag ihrer Hochzeit kam, um so trauriger wurde sie. Adrian beschloss Jolanda zu helfen. Er nahm sein Zauberstaubsäckchen, suchte sich einen geeigneten Wanderstab aus dem Gehölz seines Waldes und machte sich auf den langen Weg zu ihr. Er war nun schon sieben Tage und sieben lange Nächte unterwegs, bis er nun endlich vor dem großen Schloss stand, in dem die Prinzessin wohnte. Er klopfte mit seinem Stab gegen das Schlosstor und bat um Einlass.

„Was willst du?“ fragten die Wachen den kleinen Wicht und sahen ihn verwundert an, denn sie hatten noch nie einen Kobold gesehen. „Ich möchte zur Königstochter“ sagte Adrian freundlich „ich habe von ihrer Traurigkeit gehört und möchte ihr ein paar Stunden Glück schenken.“ „Niemand hier in diesem Land ist in der Lage die Prinzessin aufzuheitern“ sagte einer der Wachen „aber ein Versuch soll es Wert sein. Folge mir, ich geleite dich zu ihren Gemächern, dort kannst du dein Glück versuchen.“

Nun endlich stand Adrian vor der Königstochter. Sein kleines Herz schien fast vor Mitleid und Sorge um Jolanda zu zerspringen als er sie so leiden sah. Sie lag auf ihrem Bett und hatte ihr verweintes Gesicht hinter all ihren Kissen versteckt. „Bitte höre mir zu Jolanda“ sagte Adrian leise „ich heiße Adrian und bin ein Glückskobold. Ich kann dich für ein paar Stunden von deiner Traurigkeit und all deinem Leid befreien.“ Zaghaft ergriff der kleine Kobold die Hand der Königstochter und streichelte sie sanft. „Komme mit mir in meine Welt, dort findest du das Glück, nach dem du dich so sehr sehnst.“ Die Prinzessin sah Adrian tief in seine gutmütigen Augen und fragte: „Gibt es denn eine andere Welt für mich? Gibt es irgendeinen Ort, an dem ich all mein Leid und Kummer vergessen kann? Kann ich mich dort auch vor dem grausamen König Aktus verstecken?“ „All deine Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit wirst du dort finden. Habe Vertrauen zu mir, ich kann dir helfen,“ versprach Adrian und holte sein Säckchen mit dem Zauberstaub hervor. „Dann führe mich fort von hier,“ flüsterte weinend die Prinzessin „weit weit fort. Auch wenn es nur für ein paar Stunden ist, so will ich dir jetzt schon dafür dankbar sein.“ „Schließe deine Augen,“ sagte Adrian „und vertraue dich mir an.“ Die Prinzessin tat das, was ihr der kleine Kobold geheißen hatte und legte ihr Schicksal seine Hände.

Der kleine Wicht nahm eine Handvoll Goldstaub aus seinem Säckchen und blies ihn Jolanda direkt in ihr schönes Gesicht. Dann sagte er seinen Zauberspruch auf:

„Schlafe Prinzessin schlafe ein,

wirst nun im Traum wie ich ein kleiner Kobold sein.

Vergiss alle deine Sorgen alles Leid,

tausch` nun Samt und Seide ein in ein buntes Blätterkleid.

Sollst vor Glück im Tanz dich drehen

und die Welt mit meinen Augen sehen.“

Nun schlief die Prinzessin tief und fest und träumte den schönsten Traum ihres Lebens. Sie träumte, sie wäre selbst ein kleines Koboldmädchen und ginge mit Adrian Hand in Hand durch seine fremde Welt. Nur ihr kleines Krönchen auf ihrem Haupt verriet, dass sie eine Prinzessin und somit von höherer Geburt war. Adrian zeigte ihr nun seine Heimat, und sie konnte sich nicht satt sehen an den vielen wunderschönen bunten Blumen, an den geheimnisvollen Bäumen und an dem sonnendurchwirkten Himmel, der wie ein Diamant auf sie herab zu strahlen schien.

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Selbst die vielen kleinen Tiere, denen sie begegneten, verneigten sich vor ihr und hießen sie freundlich und herzlich willkommen. Alle Vögel sangen ihr zu Ehren ihre schönsten Lieder, und so manches kleines Bienchen kam angeflogen, um ihr eine Kostprobe ihres süßesten und feinsten Honigs anzubieten. Und dabei erklang das Rauschen des Windes wie eine leise Melodie. Jolanda war von all dem Zauber und soviel Schönheit der ihr fremden Natur so beeindruckt, dass sie am liebsten für immer geblieben wäre. Aber leider war es nur ein Traum, aus dem sie bald wieder erwachen würde. Sie nutzte die Zeit und genoss die schönen Dinge, die ihr diese Traumwelt zu geben hatte. Und dabei hielt Adrian ganz fest ihre Hand und wich nie von ihrer Seite.

Als die Prinzessin erwachte und Adrian erblickte, der noch immer vor ihrem Bett wachte, lächelte sie ihn dankbar an und sprach: „Solch eine glückliche Zeit habe ich noch nie erlebt. Ich danke dir dafür. Bitte bleibe bei mir so lange du kannst, denn allein durch deine Anwesenheit fühle ich mich sicher und geborgen.“ Dann wurde ihr Blick wieder traurig und ängstlich, denn die Erinnerung an ihre bevorstehende Vermählung mit König Aktus kam zurück. Von nun an beherrschte sie wieder das Gefühl der Verlorenheit und Einsamkeit. Der kleine Kobold blieb. Er wollte solange bleiben, bis die nächste Nacht hereinbrach. Immer und immer wieder schaute er Jolanda an und konnte seinen Blick nicht mehr von ihr wenden. Und dabei schlug sein kleines Koboldherz so laut und schnell, dass er befürchtete, die schöne Königstochter könnte dies hören.

Als der Abend hereinbrach, stand Adrian abermals vor Jolandas Bett. Und wieder weinte sie so herzzerreißend, dass der kleine Wicht nicht anders konnte und ihr seinen zweiten Zauberwunsch anbot. Sie durfte noch einmal seine Welt mit ihm für ein paar Stunden besuchen. Unendlich dankbar willigte sie freudig ein und schloss ihre Augen, während Adrian seinen Goldstaub verblies und seinen Zauberspruch aufsagte:

„Schlafe Prinzessin schlafe ein,

wirst nun im Traum wie ich ein kleiner Kobold sein.

Vergiss alle deine Sorgen alles Leid,

tausch` nun Samt und Seide ein in ein buntes Blätterkleid.

Sollst vor Glück im Tanz dich drehen

und die Welt mit meinen Augen sehen.“

Dieses mal träumte Jolanda sie säße auf einem wunderschönem Pferd, das von Adrian mit sicherer Hand durch die Nacht geführt wurde.

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Sie schwebten über Bäche, die zu Flüssen wurden, und die wiederum ergossen sich hinein ins weite Meer. Dort schien der Mond am Himmel so hell, und die Sterne leuchteten so klar, dass sie das Gefühl hatte, sie wären mitten im fernen endlos weitem Weltall. Sie lauschten beide dem Rauschen der Wellen und erfreuten sich an dem Gesang der Wale.

Adrian ließ seine schöne Prinzessin nie aus den Augen und bot ihr somit Zuversicht, Vertrauen und Geborgenheit. Und manchmal, wenn Jolanda glaubte er würde gerade nicht einmal zu ihr hinschauen, schenkte sie ihm einen liebevollen und vertrauten Blick. Sie fühlte sich zu dem kleinen Kobold so sehr hingezogen, dass sie wiederum den Wunsch hegte, mit ihm für immer den Rest ihres Lebens dort in seiner verzauberten Welt zu verbringen.

Auch dieser Traum musste zu Ende gehen, und als Jolanda von ihm erwachte, fühlte sie einen Schmerz in ihrem Herzen. Es war der süße Schmerz einer großen Liebe, einer tiefen und reinen Liebe zu Adrian. Lange und überglücklich über das Erlebte schaute sie dem kleinen Kobold tief in die Augen, und ihr Blick hätte beinahe verraten, dass sie mehr für ihn empfand als nur eine Freundschaft. Doch sie hielt sich zurück, denn schließlich war sie ein Mensch und er ein Kobold. Eine Verbindung der Beiden in ihrer Welt schien für die Prinzessin unmöglich, deshalb hatte sie folgenden Plan und fragte: „Oh du lieber guter Adrian, ist es dir möglich, mich heute Nacht für immer in deine wunderbare Zauberwelt mitzunehmen? Morgen ist der Tag, an dem ich mit dem grausamen König Aktus vermählt werden soll, und nur du allein kannst mir helfen und mich vor diesem großen Unglück bewahren.“ Adrian, der längst wusste, dass er sich in die schöne Jolanda verliebt hatte, zögerte zuerst, sprach dann aber mit leiser ängstlicher Stimme: „Ich kann und werde dir deinen Herzenswunsch erfüllen, muss dir aber von den Bedingungen meines dritten und letzten Wunsches für dich berichten. Solltest du mich nicht aus tiefsten und reinsten Herzen lieben, darfst du zwar in meiner Welt leben und glücklich sein, ich aber werde für den Rest meines Lebens im Wald der Finsternis verbringen müssen, und wir werden uns dann nie mehr wiedersehen.“

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Und während er ihr sein großes Geheimnis verriet, zitterte der kleine Wicht aus Angst vor seiner ungewissen Zukunft und weinte eine große Träne. Jolanda zerbrach es fast ihr Herz als sie den verängstigten und traurigen Adrian vor sich sah. Sie beugte sich zu ihm herab, nahm zärtlich seinen Kopf zwischen ihre Hände und hauchte ihm einen zarten liebevollen Kuss auf seinen traurigen Mund und wischte ihm seine Träne fort.

Dieses Mal war sie es, die zu dem kleinen Kobold sagte: „Habe Vertrauen zu mir. Ich verspreche dir, du brauchst dich nicht zu ängstigen. Du wirst sehen, es wird alles gut.“ Und Adrian hatte Vertrauen. Als der Abend hereinbrach, legte sich die Prinzessin auf ihr Bett, während Adrian ein letztes Mal in sein Säckchen griff und den Rest seines Zauberstaubes über Jolanda verblies. Dann sagte er mit fester Stimme seinen Zauberspruch auf:

„Schlafe Prinzessin schlafe ein,

sollst nun für immer ein kleiner Kobold sein.

Vergessen sind all die Sorgen all das Leid,

tauschst nun Samt und Seide ein in ein buntes Blätterkleid.

Du wirst vor Glück im Tanz dich drehen

und die Welt mit deinen eigenen Augen sehen.“

Als Jolanda ihre Augen öffnete, fand sie sich an der Stelle wieder, an der sie schon in ihrem ersten Traum mit Adrian war. Das Gras schien noch grüner, all die Blümchen noch bunter, und die Vögel sangen noch schöner als sie es in Erinnerung hatte. Aber sie war allein. Von ihrem kleinen Kobold war nichts zu sehen.

Immer und immer wieder rief sie seinen Namen: „Adrian oh geliebter Adrian wo bist du, oh was habe ich dir nur angetan.“ War ihre Liebe am Ende doch nicht so groß, dass sie ihn vor sein grausames Schicksal bewahren konnte? Sie setzte sich in das Gras und fing an zu weinen. Sie weinte um ihren geliebten Kobold, der, wie sie nun glaubte für immer sein Dasein im Wald der Finsternis verbringen musste.

Während sie um ihren Geliebten trauerte, hörte sie aus der Ferne einen Gesang. Sie horchte und bemerkte, dass er langsam aber unaufhörlich immer fröhlicher und lauter wurde und sich ihr näherte. Sie erhob sich und schaute in die Richtung, aus der er kam. Auf einmal klopfte ihr Herz so stark als wollte es vor Freude zerspringen, da sie nun endlich erkannte, wer dort so wunderschön sang.

Adrian hatte alle seine Freunde zusammengerufen, und alle sind sie gekommen, um die schöne Jolanda zu begrüßen und sie in ihrer Mitte willkommen zu heißen. „Dieses schöne Koboldmädchen ist Prinzessin Jolanda,“ verkündete Adrian stolz seinen Freunden, „und ab heute ist sie die Königin meines Herzens.“ Er umarmte sie, küsste sie herzlich und innig auf ihren roten Mund und flüsterte ihr ins Ohr: „Willkommen in meinem Leben, willkommen in meinem Herzen.“

Ende

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Des Königs Töchter

Es war einmal ein alter König, der hatte drei Töchter. Sie waren sehr hübsch, hatten aber, jede für sich, ihren eigenen Charakter. Die Älteste hatte pechschwarzes Haar, hieß Prinzessin Abendstern und war sehr von sich eingenommen. Sie trug nur die allerschönsten Kleider und bildete sich ein, die schönste der dreien zu sein. 

Die Zweitälteste hatte feuerrotes Haar, hieß Prinzessin Morgenrot und war nicht gerade die schlauste. Sie glaubte alles, was man ihr sagte und stellte sich in vielen Dingen so dumm und unbeholfen an, daß man schon im ganzen Schloß hinter ihrem Rücken lachte. Die Jüngste von den dreien trug den Namen Prinzessin Sonnenschein, und genauso wie ihr Name war auch ihr Wesen. Sie war nicht nur liebenswert, sondern auch geschickt in allem, was sie tat, und jeder im Schloß bewunderte ihre liebliche Schönheit.

Es kam der Tag, an dem der König seine Töchter zu sich rief und sprach: „Meine lieben Kinder. Die Zeit ist gekommen, an der sich nun eine jede von euch einen Gemahl suchen sollte. Meine Zeit dauert nicht ewig, und ich möchte euch drei in guten Händen wissen. Deshalb gebe ich im Lande bekannt, daß jeder Jüngling im heiratsfähigen Alter auf mein Schloß kommen soll, um um eure Hand anzuhalten.“

Gesagt, getan. Der König ließ alle seine Boten ins Land ziehen, um diese Botschaft zu verkünden. Er selbst gab seinen Bediensteten den Befehl, das Schloß mit vielen Tausenden von Blumen zu schmücken und den königlichen Ballsaal herzurichten, um die Brautwerber gebührend zu empfangen.

Die Prinzessinnen Abendstern, Morgenrot und Sonnenschein waren schon sehr aufgeregt. Sie kleideten sich alle drei in Samt und Seide, und der Hoffriseur hatte alle Hände voll zu tun, um das Haar der dreien zu kämmen und zu bürsten, bis es im Sonnenlicht glänzte.

Als sich alle drei in ihren königlichen Gewändern und mit Gold und Juwelen geschmückt in den Spiegeln betrachteten, waren sie mit sich und ihrem Aussehen sehr zufrieden und konnten nun die Prinzen, die um ihre Hand anhalten würden, erwartungsvoll begutachten.

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Im Ballsaal spielte die Musik auf, und der König nahm auf seinem Thron Platz. Seine drei Töchter saßen neben ihm und schauten gespannt in die tanzende Menge. Alle waren geladen, ob Baron, Fürst oder Prinz. Hauptsache sie waren im heiratsfähigen Alter und waren in der Lage, seine Töchter glücklich zu machen.

Viele waren gekommen, und jeder einzelne warb um die Gunst der Schwestern, aber keine der drei konnte sich auch nur für einen entscheiden. Der Prinzessin Abendstern waren die Bewerber alle zu häßlich oder zu ärmlich gekleidet, der Prinzessin Morgenrot waren sie zu intelligent oder zu gewitzt und unserer jüngsten Prinzessin fehlte die Herzlichkeit und das Gefühl der Liebe im Herzen, auf das sie so gehofft und gewartet hatte. Der Ball näherte sich schon fast dem Ende zu, als der König ungeduldig und etwas zornig feststellte, daß keiner der Freier auch nur eines der Herzen seiner Töchter erobert hatte.

Kurz vor Mitternacht flüsterte der Hofnarr seinem König in die Ohren: „Eure Hoheit, draußen stehen noch einmal drei Bewerber, die um die Hand der Prinzessinnen anhalten möchten. Es sind gar lustige Burschen, nicht von hohem Adel, aber vielleicht können die euren Herzenswunsch erfüllen und wenigstens einer eurer Töchter das Herz verzaubern.“ „Mögen sie eingelassen werden,“ grollte der König, „zu verlieren haben wir dabei nichts.“

Als der Hofnarr mit krächzender Stimme rief: „Aufgepaßt, hier kommt Bewerber Nummer 151,“ wurde er schon zur Seite geschubst und ein hagerer Bursche mit hochgezogener Nase, über seinem Arm ein Stoff, der aus purem Gold geflochten schien, betrat stolz den Saal. „Wer bist du,“ fragte der König, „und was bietest du deinem Volk?“

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„Mein Volk, edler Herr König, ist mit den schönsten Kleidern aus den feinsten Stoffen ausstaffiert. Alle meine Untertanen sehen aus wie Fürsten, ja sogar Könige unterwerfen sich meiner Gunst,“ entgegnete dieser arrogant und hochnäsig. Das er, der Schneider, von seiner Schneiderwerkstatt und seinen Kunden, die sich bei ihm die Kleider und Hosen schneidern ließen, sprach, verheimlichte er dem König tunlichst, denn er glaubte fest daran, daß er ein Recht auf eine Einheirat in die königliche Familie hatte.

Prinzessin Abendstern, die mit großen Augen und stockendem Atem dem hageren Kerl zugehört und ihn beobachtet hatte, machte sich sofort daran, den Schneider zu umgarnen. „Kannst du dafür sorgen, mir jeden Tag ein neues Kleid herbeizuschaffen, aus Stoffen fein wie Spinngeweben und glänzend wie mein schönes schwarzes Haar?“ fragte sie. „Für mich ist das kein Problem,“ entgegnete der Schneider, „warum verlangst du nicht zwei oder drei? Als meine Frau sollst du die schönste der Welt, mit den allerherrlichsten Kleidern sein.“ Das reichte der arroganten und eingebildeten Prinzessin, daß sie sofort zum König lief und ihm zuzischte: „Den, und nur den nehme ich zum Gemahl.“ „Deine Wahl muß und werde ich akzeptieren,“ sprach der König, konnte aber ein mulmiges Gefühl in seiner Magengegend nicht unterdrücken.

Auf Wunsch der Prinzessin, die befürchtete, der Brautwerber könnte sich eines Besseren besinnen und eine andere ihrer beiden Schwestern zur Braut erwählen, wurde die Vermählung vom König sofort vorgenommen. Erst dann war sie zufrieden und setzte sich mit ihrem neuangetrauten Gemahl neben des Königs Thron zu Prinzessin Morgenrot und Sonnenschein.

„Bewerber Nummer 152“ krächzte da schon wieder der Hofnarr. Ein kleiner rundlicher Bursche mit einer wunderschönen Schafsfellweste betrat gemächlich und bedächtig den Ballsaal. „Wer bist du, und was bietest du deinem Volk?“ fragte der König, und die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

„Mein Volk hat die schönsten und wärmsten Mäntel, Westen und Jacken,“ entgegnete dieser. Er verheimlichte aber dem König, daß er ein Schäfer ist und er mit seinem Volk die Schafherde meinte, die er Tag für Tag auf einer grünen Wiese weiden ließ. „Wenn ich meinen Stock erhebe und ich auf meinen zwei Fingern pfeife, müßtet ihr mal sehen, wie sie gehorchen und meine Befehle sofort ausführen. Ja, Gehorsam ist das einzige, was ich verlange, dafür brauchen sie im Winter nie zu frieren und werden auch mit täglich frischen Mahlzeiten von mir versorgt.“

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Prinzessin Morgenrot aber, die es leid war, immer als Dummchen abgestempelt zu werden und auch gerne mal kommandieren wollte, hatte dem kleinen Mann aufmerksam zugehört. Ja, schöne Wollmäntel und Wolljacken hätte sie selbst zu gerne in ihrem Schrank, aber Macht über ein Volk, das wäre ihre größte Leidenschaft. So fragte sie ihn: „Darf ich auch über dein Volk herrschen und ihm Gehorsam abverlangen, und kann ich meinen Kleiderschrank mit vielen schönen Wollsachen füllen?“ „Selbstverständlich,“ antwortete er etwas schüchtern und verlegen, „jeder einzelne wird dir gehorchen und was die Wollkleidung angeht, mach dir keine Sorgen, deinen Schrank wirst du damit nie füllen können, so reichlich und üppig ist von allem vorhanden.“

„Vater, ach Vater, ich kann über ein Volk herrschen. Diesen und nur diesen Burschen möchte ich den meinen nennen,“ jubelte Prinzessin Morgenrot. Wieder mit einem Druck in seiner Magengegend willigte der König ein, und auf Wunsch der Prinzessin wurde auch diese Ehe am selben Abend für gültig erklärt. Beide Schwestern waren so stolz auf ihre Wahl und so sehr mit ihren klugen Entscheidungen und frisch angetrauten Ehemännern beschäftigt, daß sie gar nicht bemerkten, daß die kleine Prinzessin Sonnenschein traurig und mit kleinen Tränchen in den Augen ganz still und allein in ihrer Ecke saß. Der König schaute auf sie herab und sagte mit tröstenden Worten: „Sei nicht traurig Sonnenschein, vielleicht kommt ja auch eines Tage für dich der richtige Mann.“ Er streichelte sanft über ihr goldenes Haar und sah in Richtung Hofnarr.

„Bewerber Nummer 153,“ schrie dieser ganz heiser, bevor seine Stimme nun endgültig versagte.

Ein stattlicher Jüngling mit zerrissenen Kleidern und geflicktem Schuhwerk trat vor dem König. Er trug auf seinem rechten Arm einen Vogel, der direkt aus dem Paradies zu sein schien, und dessen Gefieder in solch einer Farbenpracht leuchtete, daß selbst der Regenbogen   neben ihm verblassen könnte. In seinen Augen war ein Leuchten, das das Herz der kleinen Prinzessin sofort höher schlagen ließ. Auch ihn fragte der König: „Wer bist du, und was bietest du deinem Volk?“ „Ich bin ein Mensch, der sich an der Natur und an den Tieren erfreut.

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Ich bin aber kein Gärtner oder Jäger, kein Aufschneider oder Dummkopf, sondern ein Mensch, der die Liebe zu schätzen weiß. Mein Volk ist ein freies Volk. Es kann selbst entscheiden was es braucht. Braucht es aber die Wärme, so soll es meine Wärme bekommen, braucht es Liebe, so soll es meine Liebe bekommen und braucht es Hilfe, so soll es meine Hilfe bekommen,“ antwortete er, und jedes Wort aus seinem Mund erklang wie eine schöne Melodie. Seine Augen blitzten wie zwei Sterne als er die schöne Prinzessin Sonnenschein erblickte. Er ging auf den König zu und bat um die Hand seiner jüngsten Tochter. Die Frage, ob sie einwilligen würde, erübrigte sich, denn Sonnenschein nahm des Prinzen Hand und schaute ihm tief in die Augen. „Das ist der Moment, auf den ich so lange gewartet habe,“ hauchte sie. „Mit dir möchte ich bis an das Ende der Welt gehen, egal wer du bist oder was du bist. Ich brauche keine schönen Kleider, ich brauche auch keine Macht, ich möchte nur deine Liebe.“

Dieses mal hatte der alte König keinen flauen Magen, als er die beiden vermählte, ja, er hatte sogar ein Gefühl des Glücks in sich.

Am nächsten Tag führte der Schneider seine eitle und eingebildete Frau heim in sein Haus mit der dazugehörigen Schneiderwerkstatt. Diese erschrak, als sie bemerkte, daß sie durch ihre Eitelkeit einen Schneider auf den Leim gegangen ist, aber durch die Tatsache, daß sie jeden Tag ein neues Kleid bekam und sich dann stundenlang selbst vor dem Spiegel bewundern konnte, ließ sie ihren Schmerz darüber schnell vergessen. Auch Prinzessin Morgenrot war nicht erfreut darüber, daß sie nun die Frau eines Schäfers ist. Aber es machte ihr soviel Spaß die Schafe herumzukommandieren und durch die Finger zu pfeifen, daß sie darüber ihre wahre Herkunft schnell vergaß.

Der Jüngling aber, mit dem farbenprächtigen Paradiesvogel, setzte seine Prinzessin auf einen weißen Schimmel und geleitete sie in sein Reich. Dort angekommen, stand Prinzessin Sonnenschein vor einem mächtigem Schloß, viel größer, als das des Vaters und tausendmal schöner. Ihr Gatte war der Sohn des mächtigsten Königs auf Erden. Dem König der Welten.

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Ende

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Heini und die Wahrsagerin

Nun war endlich der Tag gekommen, auf den sich alle in dem kleinen, verschlafenen Dorf so sehr gefreut hatten. Ein großes Fest, mit vielen Angeboten für Groß und Klein, begann. Alles roch nach Anis und gebrannten Mandeln, und wohin man auch ging, ertönte lustige Musik.

Der kleine Heini, der immer auf der Suche nach einem Abenteuer war, hatte schon seit einem Jahr einen Teil seines Taschengeldes gespart, um gerade auf diesem Fest etwas großes zu erleben. Es war nicht viel, aber immerhin hatte er einen ganzen Silbertaler, den er ausgeben konnte. Da waren ein Kettenkarussell, eine Schiffschaukel, eine Schießbude und eine von allen Kindern geliebte Geisterbahn. Auch an den hungrigen Magen der Festbesucher wurde gedacht. So bot man den Leuten purpurrote Liebesäpfel, Zuckerwatte oder gar leckere Würstchen mit Brötchen an. Heini schaute sich zuerst alles an, denn er wollte mit seinem Geld umsichtig umgehen und nicht alles auf einmal ausgeben.

Als er so ziemlich alles erkundet hatte, stand er vor einem geheimnisvollen Zelt. Er hörte eine Stimme rufen: „Tretet ein, hier erfahrt ihr alles über eure Zukunft, tretet ein.“

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Heini wurde neugierig, denn er hätte gerne erfahren, was ihm die Zukunft bringt. Würde er bald sein großes Abenteuer erleben, oder bliebe alles weiterhin so ruhig, so wie man es im Dorf gewöhnt war? Vorsichtig trat er in das Zelt, in dem eine alte Frau saß, die fuchtelnd ihr Hände über eine leuchtende Glaskugel hielt.

„Trete ein, Söhnchen,“ sprach die Alte zu Heini, „bei mir erfährst du alles, was du wissen willst. Kannst du mich bezahlen, so stell mir deine Fragen.“ Zögernd fragte Heini, ob sie ihm sagen könnte, wann er sein erstes Abenteuer erleben darf. „Oh ja,“ erwiderte sie, „die alte Adeltrud weiß alles, aber sage mir zuerst, wie viel Geld du hast.“ „Ich habe einen Silbertaler, den habe ich mir erspart und möchte ihn gut anlegen,“ sagte Heini und legte das Geldstück auf den Tisch, an dem die Frau saß. Blitzschnell griff sie nach dem Taler und sprach: „Nun ja, es ist nicht viel, aber ich werde bei dir eine Ausnahme machen, weil du so ein netter Junge bist.“ Dann drehte sie sich um, und ließ grinsend Heinis Geld in eine Truhe verschwinden.

„Du willst also wissen, wann dein großes Abenteuer beginnt?“ fuhr sie fort und machte sich daran mit verschwörenden Handbewegungen über die Kugel zu streichen. Sie stöhnte und ächzte, dann sprach sie mit verstellter Stimme:

„Fideldi und fideldum,

was geschieht um dich herum?

Fideldi und fidelreigen,

sollst mir schnell die Zukunft zeigen.“

Heini stand etwas verängstigt vor ihr, beobachtete aber die Alte ganz genau. „Die Kugel sagt mir, dass noch heute ein großer Adler mit weiten Schwingen auf dich herabfliegt, um dich zu ergreifen. Er will dich entführen und sich mit dir in die Lüfte erheben. Sei auf der Hut, er hat nichts Gutes im Sinn.“ Heini hörte die Warnung der alten Adeltrud und verabschiedete sich mit den Worten: „Ich werde achtsam sein und mit dem Adler kämpfen.“ Dann drehte er sich um und verließ voller Erwartung das Zelt.

Die gerissene Adeltrud rieb sich kichernd ihre Hände und dachte: „So ein dummer Junge, er glaubt diesen Unsinn und bezahlt auch noch dafür.“

Unterdessen bastelte sich Heini so schnell er konnte eine Schleuder, sammelte jede Menge Steine zusammen, setzte sich wartend und ausschauhaltend auf eine Wiese, so dass er den Adler schon aus der Ferne erkennen konnte. Er wollte mit seiner Steinschleuder den Kampf gegen den großen Vogel aufnehmen, aber dann schlief er unerwartet ein.

Nach einer gewissen Zeit weckte Heini ein zartes, leises Zwitschern. Er sah auf und bemerkte einen kleinen Spatz, der aufgeregt vor ihm hin und her flog. Heini streckte seine Hand aus und noch ehe er sich versehen konnte, setzte sich der kleine Piepmatz auf einen seiner Finger und fing an, sein schönstes Lied für ihn zu singen. Danach erhob sich der kleine Vogel in die Lüfte und war kurze Zeit später nicht mehr zu sehen. Heini fielen die Worte der alten Adeltrud ein. „Sagte sie nicht, es käme ein Adler mit weiten Schwingen?“ grübelte er und entschloss sich die Alte noch einmal in ihrem Zelt aufzusuchen, um nachzufragen.

„Vogel ist Vogel, egal ob Adler oder Spatz,“ herrschte Adeltrud den kleinen Heini an. „Ich hatte Recht, so oder so. Deinen Silbertaler bekommst du nicht zurück, aber weil ich ein guter Mensch bin, sehe ich für dich ein zweites Mal in die Zukunft. Setze dich nieder und höre was ich dir zu sagen habe.“ Und wieder rieb sie die Glaskugel und sprach ihre Worte:

„Fideldi und fideldum,

was geschieht um dich herum?

Fideldi und fidelreigen,

sollst mir schnell die Zukunft zeigen.“

„Ein großer, kräftiger Tiger verfolgt dich. Er ist böse und frist Menschenfleisch. Sei auf der Hut, er will noch heute deinen Kopf,“ krächzte Adeltrud und ermahnte den Knaben abermals wachsam zu sein.

Und wieder, in voller Erwartung auf das, was er erleben sollte, verließ Heini gutgläubig das Zelt der alten Frau und machte sich daran, ein Schwert aus Holz zu schnitzen. Damit wollte er den Tiger siegreich bekämpfen und töten. Adeltrud war sich ihrer Sache aber nicht mehr so sicher. „Was mache ich, wenn der Knabe wieder zurückkommt. Den Taler gebe ich nicht mehr her. Ich muss mir etwas einfallen lassen, wie ich ihn ein für allemal loswerde,“ dachte sie sich, und fing an, einen tückischen Plan auszuhecken.

Heini unterdessen setzte sich mit seinem Schwert wieder an den Platz auf der Wiese und wartete. Und wie schon beim letzten Mal, schlief er erneut ein. Ein sanftes schnurren und miauen beendete seinen Schlaf.

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Als er sich umblickte, sah er ein kleines Kätzchen, das sich an seinen Körper anschmiegte. Er nahm es vorsichtig auf und streichelte sein seidenweiches Fell. Es schnurrte so lieb und so laut es konnte. Dann, als es genug hatte von Heinis Liebkosungen, machte es einen Satz, stellte sein Schwänzchen kerzengerade in die Höhe und lief mauzend davon.

„Das niedliche Kätzchen war aber kein böser Tiger,“ ging es dem Knaben durch den Kopf. Er wollte ein Abenteuer, das hat ihm die Alte vorrausgesagt, und dafür hatte er einen ganzen Silbertaler bezahlt. So machte er sich abermals zum Zelt auf, wo ihn Adeltrud schon erwartete. Heini erzählte von seinem Erlebnis und forderte seinen Taler zurück. Die Alte aber umgarnte ihn erneut und machte ihm folgenden Vorschlag: „Ich werde für dich ein drittes und letztes Mal in die Zukunft schauen. Und wenn es so sein soll, bekommst du deinen Taler zurück, aber wenn meine Voraussicht eintrifft, behalte ich dein Geld, und du gibst dich mit dem zufrieden, was du erlebst.“ Heini ließ sich zweifelnd auf das Angebot der alten Frau ein und sagte dem Handel zu. Und erneut befragte Adeltrud die Kugel:

„Fideldi und fideldum,

was geschieht um dich herum?

Fideldi und fidelreigen,

sollst mir schnell die Zukunft zeigen.“

„Die Zauberkugel sagt mir,“ heuchelte die Alte dem Knaben vor, „das du genau an dem Platz, an dem du auf den Adler und den Tiger gewartet hast, graben sollst. Dort unten im Erdreich findest du einen großen Schatz. Mit dem wirst du dir alle Abenteuer dieser Welt erkaufen können. Aber gib Acht, schaue nicht nach links und nicht nach rechts. Schaue nicht nach vorne, nach oben, oder gar zurück. Schaue immer nach unten und grabe, grabe, grabe. Wenn du dies nicht tust, findest du den Schatz nicht.“

Heini überlegte nicht lange, er verabschiedete sich für immer von der alten Adeltrud und machte sich sofort auf den Weg, um den Schatz zu bergen. Er hatte ja keine Ahnung, was sich die hinterlistige Frau für ihn ausgedacht hatte. Ihr Plan war es nämlich, den kleinen Heini so lange graben zu lassen, bis er erst am anderen Ende der Welt wieder das erste Tageslicht erblicken sollte. Dann fände er nicht mehr zurück, und die Alte könnte den Silbertaler für sich behalten. Heini holte aus dem Schuppen seines Vaters einen Spaten, ging zu der besagten Stelle und fing an zu graben. Kaum hatte er eine Handbreit die Erde ausgehoben, stieß er auf etwas Hartes. Vorsichtig grub er mit seinen Händen weiter, um nichts zu beschädigen und legte somit eine Truhe aus edlem Holz mit goldenen Beschlägen frei. Als er sie öffnete, traute er seinen Augen nicht. Sie war voll gefüllt mit tausend und abertausend glänzenden Goldtalern. Es waren so viele, dass er sie gar nicht zählen konnte. So schnell er konnte, trug er seinen Fund zu sich nach Hause, umhüllte ihn mit einer Decke und schob den Goldschatz zur Aufbewahrung unter sein Bett. Noch außer sich vor Freude, weihte er seine Eltern in sein Geheimnis ein und teilte mit ihnen redlich.

Danach ging er noch einmal zur alten Adeltrud, um sich bei ihr zu bedanken. Als sie den Knaben erblickte und von seinem Glück erfuhr, wurde sie kreidebleich, dann tobte sie außer sich vor Wut und raufte sich dabei ihre schwarzen Haare. „So war das nicht gedacht,“ keifte sie, „noch nie ist etwas eingetroffen, was ich vorhergesagt habe. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich doch selbst dorthin gegangen, um den Schatz zu bergen. Oh welch ein Elend über mir, oh welch ein Unglück.“

Dann eilte sie zur Glaskugel, griff sie mit beiden Händen und warf sie mit voller Wucht zu Boden, so dass sie in tausend kleine Glasstücke zerbrach. „Nie wieder werde ich weissagen,“ schimpfte sie, „von nun an werde ich meinen Unterhalt durch redliche Arbeit verdienen. Keiner soll mehr durch mich zu Reichtum gelangen, so lange ich lebe,“ schwor sich die Alte.

Der kleine Heini aber, wollte seinen Schatz solange aufbewahren, bis er zum Jüngling herangewachsen war. Dann wollte er von den vielen Goldtalern die ganze Welt bereisen und alle Abenteuer erleben, die das Leben ihm schenken könnte.

Ende

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Das Wasser des Lebens

Voller Gram und Kummer beugte sich Hendrik über das Bett, indem sein krankes Kind lag. Die Ärzte hatten alle Hoffnungen aufgegeben und den jungen Vater darauf vorbereitet, daß seine geliebte Tochter bald sterben müsse. Weinend und verzweifelnd betete er zu Gott und bat um Gnade für sein Kind, nachdem er schon vor Jahren seine geliebte Frau verloren hatte, und hoffte somit ihren bevorstehenden Tod abzuwehren. Unruhig und voller Angst sah er sich im Zimmer um und wartete auf irgendein Zeichen, das ihm der Himmel schickte, aber vergebens, alles war wie immer, die Uhr tickte im gleichmäßigem Takt, und die Balken knarrten leise, als würden sie von Schmerzen geplagt stöhnen.

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Wie aus dem Nichts erschien mitten im Raum ein dunkler Schatten, der sich mehr und mehr zu einer Gestalt formierte. Hendrik konnte deren Gesicht nicht erkennen, ahnte aber, daß nun die Zeit für seine Tochter gekommen ist und dies der Tod sein müsse.

„Wenn du der bist, den ich mit Schaudern erwarte“, sagte der Vater, „dann bitte ich dich von meinem Kind abzulassen. Sie ist noch so klein und zerbrechlich und hätte noch ihr ganzes Leben vor sich“. „Deine Gebete und Bitten sind wohl erhört worden“, sagte der Tod, „aber auch ich muß mich an die Zeit halten. Reiche mir nun die Hand von deiner Tochter und lasse sie mit mir gehen“. „Nein“, schrie Hendrik auf, „gib uns noch ein paar Tage, nur noch wenige Stunden, um mich zu verabschieden. Wenn es denn unbedingt sein muß, gewähre mir diese Gnade“. „Ich werde deinem Flehen Gehöhr schenken“, flüsterte der Tod und übergab dem verzweifelten Vater eine kleine Blume. „Wenn diese Blume verwelkt und ihr letztes Blatt gefallen ist, dann ist deine Gnadenfrist abgelaufen und du mußt mir dein Kind übergeben“, sprach der Tod und verließ lautlos das Zimmer, so wie er gekommen war.

Kreidebleich stand der Vater vor dem Bettchen seiner Tochter und hielt in seinen zitternden Händen die Blume. Schnell holte er ein Gefäß und stellte sie in frisches Wasser. Er mußte sich etwas einfallen lassen, um das Verblühen der kleinen Pflanze zu verhindern. Er brauchte Zeit, die er nicht hatte, um das Leben seines Kindes zu retten und somit ihren sicheren Tod zu verhindern. Er erinnerte sich an eine alte Sage, die erzählte, daß im Wald hinter dem Berg, vor dem sein Dorf lag, eine alte und weise Hexe mit Namen Wally wohnte, die für ihr Wissen über Heilkräuter und für so manchen Zauber bekannt war.

Er nahm sich vor, sie zu besuchen, und um ihren Rat zu fragen und machte sich am nächsten Morgen auf den Weg. Er lief so schnell er konnte durch sein Dorf und stieg den Berg hinauf. Als er oben auf diesem angelangt war, konnte er im Tal den besagten Wald erblicken und rutschte Stück für Stück den Berg wieder herunter, bis er den Waldanfang erreichte. Er schlug sich durch das Dickicht des Waldes, stieg über herumliegende Äste und stolperte über so manchen Stein, bis er eine Lichtung erreichte. Mitten auf dieser stand eine alte, verwitterte Hütte, aus deren Schornstein feiner Rauch emporstieg.

„Die Hütte ist bewohnt“, dachte sich Hendrik, „hoffentlich ist es auch die, in der die Hexe wohnt“. Vorsichtig und behutsam ging er auf das Häuschen zu und klopfte an die morsche Holztür.

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Eine alte, weißhaarige Frau, in alten Lumpen gekleidet, öffnetet die Tür, deren unheimliches Knarren und Quietschen den ganzen Wald durchdrang.

„Sei willkommen, Fremder“, krächzte die Alte, „tritt herein und sage mir den Grund deines Besuches“. „Bist du die weise Wally, von der man sich erzählt? Die, die heilende Kräuter kennt und von der man sagt, daß sie zaubern kann“?, fragte der Gast ungeduldig. „Ja gewiß“, erwiderte die gute Alte und bat den Hendrik abermals einzutreten. Der verzweifelte Vater erzählte von seiner sterbenden Tochter, und daß der Tod ihm einen befristeten Aufschub gewährte, solange, bis die Blume ihr letztes Blütenblatt verloren hat.

Die Alte hörte dem Hendrik aufmerksam zu und machte sich daran, eine alte Truhe herbeizuholen. Während sie die Truhe durchsuchte, murmelte sie immer wieder leise vor sich hin: Das Medaillon, wo ist nur das Medaillon“? „Was für ein Medaillon suchst du, und wofür brauchst du es“?, fragte der Vater ungeduldig, und die alte Wally beruhigte ihn: „Geduld Fremder, du brauchst jetzt sehr viel Kraft und darfst keinen Fehler machen. Du mußt zum Eismeer am anderen Ende der Welt reisen und die Eiskönigin um das Wasser des Lebens bitten. Aber es ist ein fast unmögliches Vorhaben, denn die Königin wird von einem bösen Zauberer in einem Eisberg gefangengehalten, der von einem menschenfressenden Drachen bewacht wird. Kannst du diesen töten, ist die Königin frei und wird dir helfen. Aber um zum Eismeer zu gelangen, brauchst du mein Medaillon, das dich auf schnellstem Wege dorthin bringt, und mit dem du auch wieder nach Hause kommst. Wenn du es öffnest, schließe beide Augen, dann brauchst du nur dein Ziel zu sagen und du bist an dem Ort, den du dir herbeigewünscht hast. Bei deiner Rückreise verfährst du genauso, aber bedenke, du kannst nur zweimal reisen, denn einen dritten Wunsch gibt es nicht“.

Nachdem sie das Schmuckstück nun endlich gefunden hatte, übergab sie dieses dem Hendrik und wünschte ihm alles Glück auf Erden, und daß sein Vorhaben gelingen möge.

Nachdem sich der Vater bei der Alten bedankt hatte, machte er sich eiligst auf den Heimweg zu seinem Kind. Schweren Herzens traf er alle Vorbereitungen für seine Reise, packte einen Pickel und eine Eissäge in seinen Rucksack, gab der Blume frisches Wasser und verabschiedete sich mit einem Kuß von seinem Töchterchen. Er band das Medaillon um seinen Hals, öffnete es, schloß seine Augen und sprach: „Bringe mich zum Eismeer am Ende der Welt, dorthin wo die Eiskönigin gefangen gehalten wird“.

Kaum hatte er seinen Wunsch ausgesprochen, fegte ihm eine eisige Kälte und ein frostiger Wind entgegen. Er fand sich inmitten eines Schneesturms wieder und war am Eismeer angelangt. Schnell zog er sich die warme Kleidung über, die er sich vorsorglich eingepackt hatte, zog seine dicken Winterstiefel an und stapfte langsam, Schritt für Schritt über das zugefrorene und mit hohem Schnee bedeckte Meer.

Weit in der Ferne sah er silbern glänzend die Eisberge leuchten, die sich anmutig schön, aber dennoch bedrohlich gegen den Himmel streckten.

„In einem dieser Berge ist die Eiskönigin gefangen“, dachte sich der Hendrik, und ihm schauderte bei dem Gedanken, daß er noch gegen das Ungeheuer kämpfen muß, um es zu töten. Aber der Wille sein Kind zu retten gab ihm Kraft und machte ihn stark, deshalb ging er mutig weiter und suchte nach dem Drachen. Seine Beine wurden immer schwerer, und seine Kräfte ließen allmählich nach. Er legte eine Rast ein und bemerkte, daß er sich in etwa der Mitte des Meeres befand. Aus der Richtung der Eisberge hörte er ein lautes und furchterregendes Gebrüll. Er sah genauer hin und erkannte ein riesengroßes, ekliges, zähnefletschendes und feuerspeiendes Monster.

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„Das ist der Drachen“, dachte sich Hendrik, und ein Angstschauer nach dem anderen jagte ihm den Rücken runter. „Wie soll ich gegen dieses Ungetüm kämpfen oder es sogar töten“? zweifelte der Vater an sich und versteckte sich hinter einem kleinen Schneehügel.

Der Drachen aber wütete so stark, daß der Hendrik erst einmal beschloß, die Nacht hereinbrechen zu lassen, um einen klaren Gedanken fassen zu können.

Am Abend kam für den Vater dann die rettende Idee. In tiefster Dunkelheit, wenn der Drachen schlafen würde, wollte er mit seinem Pickel und der Eissäge ein großes Loch in das Eismeer schlagen und auf dieses dann den Drachen locken. Er arbeitete die ganze Nacht hindurch, ohne eine Rast einzulegen, denn die Zeit arbeitete gegen den Vater. Als der Morgen graute, sah sich der Hendrik völlig erschöpft seine Arbeit an, nickte zufrieden mit dem Kopf und verwischte die Spuren, die er mit der Säge und dem Pickel hinterlassen hatte, mit Schnee. So konnte der Drachen das Loch im Eis nicht erkennen.

„Kannst ruhig kommen, du Ungeheuer“, flüsterte er leise und wartete hinter seinem Hügel, bis der Drachen aus seiner Höhle kam. Brausendes Getöse schreckte den Hendrik auf. Nicht weit von ihm stand brüllend das Ungeheuer und schlug mit seinen Flügeln so heftig, daß der ganze Schnee aufgewirbelt wurde, und man kaum die Hand vor seinen Augen sehen konnte. Das nützte der Hendrik aus und rannte mutig auf den Drachen zu.

„Menschen fressen, du willst Menschen fressen“? schrie er so laut er nur konnte „dann komm hierher zu mir, ergreife und töte mich, du Ausgeburt der Hölle“!

Als der Drachen ihn erblickte, ging der sofort zum Angriff über. Er stürzte sich feuerspeiend und brüllend auf den Hendrik, der sicher vor dem gesägtem Loch im Eismeer stand. Gerade als das Ungeheuer den Vater ergreifen wollte, befand es sich inmitten der eingesägten Stelle. Durch das Gewicht des Drachen brach das restliche Eis ein, und er versank brüllend in der Tiefe des Meeres.

Versteinert und starr vor Angst stand Hendrik vor dem riesigen Loch im Meer. Aber der Drachen tauchte nicht mehr auf. Nur kleine Luftblasen stiegen vom Meeresgrund empor, dann herrschte eine unendliche Ruhe. Als der Hendrik sich von seinem Schreck erholt hatte, packte er seine Säge und den Pickel in den Rucksack und machte sich zu Fuß weiter auf, in Richtung der Eisberge. Lange mußte er sich durch den hohen Schnee kämpfen, als er nun endlich vor den Bergen stand. Aber wo sollte er die Königin finden? Wo hielt man sie gefangen, und wie sollte er sie befreien? Den Vater verließen alle seine Hoffnungen, und er dachte an sein krankes Kind, das weit entfernt von dem Eismeer um sein junges Leben kämpfte. Er kniete nieder und wollte gerade sein Medaillon öffnen, das ihn zurück zu seiner Tochter bringen sollte, als er ein helles Licht sah.

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Er blickte auf und sah einen Sonnenstrahl, der direkt auf einen der Eisberge schien. Er sprang auf und rannte so schnell er konnte in dessen Richtung, und tatsächlich, dort sah er sie, die Eiskönigin.

Das Eis um sie herum schmolz so schnell, daß dem Hendrik kaum Zeit blieb, ihre Schönheit wahrzunehmen. Lächelnd stieg sie den Eisberg herab und ging auf den Vater zu. In ihrer Hand hielt sie ein kleines Fläschchen, das mit einer funkelnden Flüssigkeit gefüllt war. „Ich bin dir zu ewigem Dank verpflichtet“, sprach sie und ihre Stimme hörte sich an, als wenn die schönsten Vögel dieser Welt ihre Lieder sängen. „Ich weiß von deinem Leid und gebe dir, wonach du gesucht hast. Nimm diesen Flakon mit dem Wasser des Lebens und benetzte damit die Lippen deiner Tochter, danach stelle die Blume in das Wasser und pflanze sie später in die Erde vor deinem Haus. Beeile dich aber, denn die Blume trägt nur noch zwei Blütenblätter, und der Tod wartet schon auf dein Kind“.

Hendrik bedankte sich bei der Königin, packte behutsam das Fläschchen in ein Tuch und steckte es in sein Hemd unter seinem Herzen. Dann nahm er das Medaillon in seine Hand, schloß die Augen und wünschte sich in seinem Dorf zu sein.

Als er die Augen öffnete, stand er neben dem Bettchen seiner Tochter. Die Blume hatte nur noch ein Blatt, und das schien gerade abfallen zu wollen. Schnell tat er das, was die Eiskönigin ihm aufgetragen hatte. Er öffnete das Fläschchen und ließ einen Tropfen davon auf die Lippen seines Kindes fallen, dann eilte er zu der Pflanze und stellte sie in das Wasser des Lebens. Kaum hatte er das getan, wuchsen ihr neue Blütenblätter, und in kürzester Zeit schlugen kleine Wurzeln aus und ließen die Blume in ihrer schönsten Pracht erscheinen.

Seine Tochter öffnete die Augen und sah ihren Vater überglücklich an. Schnell gehörten die Schmerzen, das hohe Fieber und die tückische Krankheit zur Vergangenheit, und sie konnte geheilt und gesund ihr Bett verlassen. Der Tod hatte somit keinen Zugang mehr zu ihrem Haus.

Die schöne Blume pflanzten beide in ihren Garten und erfreuten sich an ihrem Wuchs und der vollen Blütenpracht.

Einmal im Jahr machen Vater und Tochter einen Ausflug zu der Waldlichtung, wo die alte Wally ihre Hütte hat und bringen ihr Kuchen und allerlei andere Leckereien. Dann werden Erinnerungen und Erfahrungen in Dankbarkeit ausgetauscht, und alle erfreuen sich über jede Stunde, die sie in Gesundheit und Gemeinsamkeit verbringen dürfen.

Ende

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